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Wie aus einer Improvisation entwickelt und doch so punktgenau geführt ist dieser „Ariodante“. 

„Ariodante“ an der Stuttgarter Staatsoper

Ring frei fürs Liebesleid

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Stuttgart - Der Abschied von der Staatsoper in Stuttgart naht: Jossi Wieler und Sergio Morabito zeigen auch Händels „Ariodante“ als Menschentheater ohne Tand. Lesen Sie hier unsere Kritik:

Klotzen, das würde zum feinen, freundlichen Jossi Wieler nicht passen. Aber die kommende Saison, seine letzte an der Stuttgarter Staatsoper, hat es in sich. Wieder einmal geht dort eine große Ära zu Ende. Keine so gewaltige, die Einfluss nahm auf die Entwicklung des Musiktheaters, wie es Klaus Zehelein zwischen 1991 und 2006 gelang. Wieler sowie sein Dauer-Regiepartner und Chefdramaturg Sergio Morabito amtieren schließlich erst seit 2011. Doch was sie am derzeitigen „Opernhaus des Jahres“ stets aufs Neue beweisen: Es gibt einen Zugriff auf die Stücke, genau und behutsam, klug und vielschichtig, hintersinnig und berührend, der sich unterscheidet vom postbarocken Ideal, wie es zum Beispiel bei den Münchner Kollegen gepflegt wird.

Peter Konwitschny führt Regie bei Cherubinis „Medea“

2017/18 inszeniert das Doppel Wieler/ Morabito also neben Donizettis „Don Pasquale“ auch die Uraufführung des „Erdbebens von Chili“ nach Kleist auf eine Musik von Toshio Hosokawa. Andrea Breth steuert einen Doppelabend mit Rihms „Das Gehege“ (uraufgeführt 2009 in München) und Dallapiccolas „Der Gefangene“ bei. Peter Konwitschny führt Regie bei Cherubinis „Medea“. Und Kirill Serebrennikov, 2015 in Stuttgart für seine epochale „Salome“ gefeiert, wagt sich an Humperdincks „Hänsel und Gretel“ mit Kindern aus einem Dorf in Ruanda. Was für eine Abschiedsspielzeit.

Die Bühne ist erst eine Zirkusarena, dann ein Boxring

Einen starken Eindruck vom Selbstverständnis des Hauses gibt auch die aktuelle Produktion von Wieler und Morabito. Händels „Ariodante“ ist nicht ihre bildmächtigste Werkbefragung geworden. Vielleicht auch, weil sie für die Geschichte um Ritter Ariodante, der sich in Königstochter Ginevra verliebt und von Widersacher Polinesso beinahe ausgetrickst wird, einen sehr offenen Zugang wählten. Ein bisschen Theater auf dem Theater, ein wenig Brecht’sche Verfremdung, vor allem aber eine extreme Reduktion. Ausstatterin Nina von Mechow hat eine Spielfläche ersonnen, die durch schulterhohe schwarze Elemente begrenzt wird, darüber hängen Beleuchtungsbrücken. Eine Art Zirkusarena, später ein Boxring. Wie schon 2015 bei Wielers und Morabitos Deutung von Jommellis „Berenike“ nehmen Solisten in Zivil von diesem Raum Besitz. Erst zum Finale werden sie sich in barocke Kostüme kleiden.

Der Abend entwickelt sich wie aus einer Improvisation heraus

Es ist ein Laborexperiment, das in dreieinhalb hochspannenden Stunden aufgerollt wird. Um Geschlechterrollen und Identitäten geht es, um Selbstbewusstsein und -darstellung, um den Kampf mit anderen und, viel wichtiger, mit sich selbst. Und auch über das Wesen der Bühnenkunst: Polinesso, hier ein cooler Spielmacher, hält vieles als Dokumentar des Liebesleids per Fotoapparat fest.

Gern trägt er Rousseau im französischen Original vor: „Jede Frau, die sich zur Schau stellt, entehrt sich“, heißt es übersetzt. Sätze über die „Gefährlichkeit des Theaters“, die zusätzliche Distanz und Erkenntnis schaffen. Christophe Dumaux zitiert das nicht nur genüsslich, sondern singt sich mit mühelos geführtem Countertenor an die Spitze des Ensembles. Sebastian Kohlhepp kann als Lurcanio seinen Tenor ebenfalls verlustfrei auf jeden Gemütszustand trimmen und dimmen. Ana Durlovski ist eine in ihrer Kühle geheimnisvolle Ginevra, Diana Haller riskiert als Ariodante zuweilen eine Spur zu viel. Dirigent Giuliano Carella lässt mit dem Staatsorchester die Musik atmen und sprechen, ohne sie zu überreizen. Ein Abend, der „Ariodante“ wie aus einer Improvisation entwickelt, dabei, auch in der kleinsten Geste, viel über die Figuren (und ihre Sänger) erzählt. So viel, dass man gleich nochmals hinein möchte.

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