Jubel für die Amtshilfe

- Ob seine einzige Oper jemals aufgeführt werden würde, wusste er nicht. Damals, 1934, als der Münchner Komponist Karl Amadeus Hartmann den Weg in die innere Emigration gewählt hatte und sich dennoch mit "Simplicius Simplicissimus", dieser Kaspar-Hauser-Figur aus dem Dreißigjährigen Krieg, beschäftigte. Der Einakter basiert auf Johann Christoffel von Grimmelshausens berühmtem Roman und verschränkt die unbewältigte Aufarbeitung dieses langen Tötens mit dem heraufdämmernden Zweiten Weltkrieg.

Eine klassische Handlung gibt es in den montageartig gereihten "drei Szenen" nicht. Hartmanns 80-Minüter ist ein berührendes, manchmal fratzenhaftes, in seiner Melodik und prägnanten Rhythmik stets nachvollziehbares Stück, das im Grunde an jede Bühne gehört, besonders aber nach München, wo Hartmann lebte und wirkte, hier nach dem Krieg die musica viva gründete.

Doch eine aktuelle Produktion existiert an der Isar nicht (warum eigentlich?), zur Eröffnung der Münchner Opernfestspiele im Prinzregententheater baten Sir Peter Jonas & Co. daher um Stuttgarter Amtshilfe. Das war sinnvoll - und auch mutig, eröffnete das Gastspiel doch Vergleichsmöglichkeiten mit dem hohen Niveau der Stuttgarter Stückpflege, mit Haltung und Ästhetik eines Hauses, das seit Jahren zu Recht an der Spitze nicht nur deutscher Musentempel rangiert. Zugleich war die einmalige Aufführung eine Visitenkarte des künftigen Chefs der Bayerischen Theaterakademie: Klaus Zehelein, Noch-Intendant am Neckar, wechselt bekanntlich 2006 an den Prinzregentenplatz.

Mehr noch als durch Christof Nels Inszenierung besticht die Produktion durch ihr musikalisches Profil. Vor allem, wenn man mit Claudia Mahnke auf eine Sopranistin zurückgreifen kann, die das Staunen und die Verwirrung von Simplicius, das Verlorensein, auch das "naive" Erkennen von Zusammenhängen stimmlich und darstellerisch so faszinierend umsetzt. Überdies bescherte der Abend eine Begegnung mit Ballett-Legende Márcia Haydée. Als dunkler, strenger und schöner Engel bietet sie Simplicius Schutz und bildet einen Gegenpol zu den eher grotesken Mannsbildern.

Und die waren mehr als rollendeckend besetzt - Frank van Aken als nicht nur vokal wuchtiger Einsiedel, Michael Ebbecke als breitbeiniger Landsknechts-Bulle, vor allem aber Heinz Göhrig als karikaturenhafter und diktionsgenauer Gouverneur. Und noch mehr durfte man an diesem Abend staunen: über das solistische Können der kleinen Delegation aus dem Staatsorchester Stuttgart, über einen enorm präzisen Chor mit individuellen Qualitäten und über Dirigent Kwamé´ Ryan, der das alles mit souveräner Nonchalance steuerte.

Regisseur Christof Nel und sein Ausstattungsduo (Karl Kneidl, Bühne; Silke Willrett, Kostüme) entgingen den Verlockungen von tränentreibendem Waisenkind-Drama und plattem Antikriegspathos. Alles spielt in einem scheinbar realen Raum mit Treppenaufgang und großem Fenster. Für die Unausweichlichkeit des Geschehens, für die burlesken Momente in Hartmanns Musik wurde eine sehr eigene, soghafte, dennoch unaufdringliche Szenensprache gefunden - hier die grotesken, auch selbstverliebten Kriegsteilnehmer und -treiber, dort als zusammengekauerte Lichtgestalt der Bauernjunge.Mag die Inszenierung auch ins arg Bedeutungsschwangere, in gelegentliche Leerläufe driften, so stellt sie sich doch stets hinter dieses großartige Stück. Gut möglich, dass sich Klaus Zehelein beim heftigen Schlussjubel bestätigt zurücklehnte: Das verstehen wir eben in Stuttgart unter einer guten Opernproduktion.

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