Jubel im Münchner Residenztheater für Feydeaus "Floh im Ohr"

- "Ach, was für eine Tragödie! Mein Gott, eine richtige Tragödie!", konstatiert Camille. Jawohl. Und zwar eine zum Totlachen. Mit dem Stück "Floh im Ohr" des Franzosen Georges Feydeau (1862-1921) in der ausgezeichneten Übersetzung von Elfriede Jelinek eröffnete das Münchner Residenztheater seine neue Spielzeit. Der Andrang war enorm, das Premierenpublikum prominent besetzt, vor dem Haus Menschen mit "Suche Karte"-Schildern.

Großer Abend für Schauspieler

Ein besonderes Spektakel durfte erwartet werden, denn es inszenierte Hausherr Dieter Dorn, insgeheim und bekanntermaßen ein grandioser Boulevardier. Und weil er dieses Metier so hervorragend beherrscht und weil er mit bestechender Souveränität und kühler Noblesse die Maschinerie des Theaters auf Hochtouren fährt und weil er mit seinem erstklassigen Ensemble die Puppen tanzen lässt, geht diese Inszenierung über jede Genre-Bezeichnung hinaus. Komödie, Tragödie, Farce, Groteske, kurz, die ganze Absurdität der menschlichen Existenz. Die ganze Verrücktheit einer amoralischen Gesellschaft, die nichts in Frage stellt -außer der Liebe, die ein Spiel ist, und der ehelichen Treue, die eine Frage des Besitzes ist. So wie Lebensversicherungen, Aktien, Geschäfte. Bis schließlich die Doppelgängerschaft der Hauptperson die Gesellschaft an die Grenze des Wahnsinns treibt.

Womit wir bei Jörg Hube wären. Als Chandebise, Direktor der Boston Life Company in Paris, ein ziemlich trockener Knochen in Schwarz-Grau; als Poche, Hoteldiener im Liebesnest Petits Fours, ein gutmütiger Prügelknabe und Säufer in grüner Schürze und Livree. Ein furioses Identitätsspiel, das immer rasanter abläuft, dessen zum Ende hin blitzartige Wechsel nicht nur die Figuren des Stücks, sondern auch die Zuschauer verblüffen. Hube spielt das mit Zurückhaltung und Geschmack. Erst gegen Schluss dreht er richtig komödiantisch auf, wendet sich, wenn seine Verzweiflung bühnensprengend wird, direkt ans Publikum. Und wenn er als Chandebise vom Hoteldirektor verprügelt wird, weil der ihn für seinen Diener Poche hält, und wenn dieser Poche, weil man in ihm den durchgedrehten Herrn Chandebise sieht, in einen weichen Bademantel gehüllt und in zarten Schlummer gewiegt wird, dann werden sich diese beiden Figuren immer ähnlicher, dann sind sie ganz und gar der Schauspieler Jörg Hube. Ein großer Abend für ihn.

Das ist diese Inszenierung, die nichts auslässt an Gags und dennoch nie zur Klamotte wird, aber auch für die anderen. Zum Beispiel für die glänzende Juliane Köhler als Chandebises Frau Raymonde: schwankend zwischen Lüsternheit und Frigidität. Für die herrliche Lisa Wagner als ausgekochte, kalte Köchin Antoinette, die ihre Untreue frech leugnet. Oder für den großartigen Arnulf Schumacher als Hotelchef, der mit Zackzack-Allüre vergebens versucht, den ordentlichen Liebesbetrieb im Stundenetablissement zu garantieren. Und auch für Peter Kremer dürfte die Rolle des Hausfreundes und vergeblichen Liebhabers Tournel so recht nach seinem Geschmack sein: ein nervös-komischer Kerl, der nie dazu kommt, seine viel gerühmte Lendenkraft tatsächlich unter Beweis zu stellen. Denn wenn er die spröde Raymonde aufs Bett schleppt, liegt da plötzlich schon ein anderer drin: der berufsmäßig sabbernde Alibi-Greis Baptistin. Dass den hier Hellmuth Matiasek gibt, kein Schauspieler, dafür aber Ex-Intendant vom Gärtnerplatz, verleiht der kleinen Rolle zusätzlich eine delikate Komik.

Keine Frage, in diesem Stück haben die Männer die besten Rollen. In welchen Irrsinn sie das Leben treibt, das ist besonders an Oliver Nägeles spanischem "Othello" zu sehen, der sich wie ein Kugelblitz über die Bühne schießt, sodass es aus allen Feuerlöschern zischt. Nur kleinliche Mäkelei Der Clou der Aufführung aber ist Thomas Loibl, dieser wunderbare, nervige, über die Grenzen des eigentlich Darstellbaren hinausgehende Schauspieler. Seine Rolle: Camille, der stark sprachbehinderte Sekretär der Boston Life Company. Als eine durch und durch gespaltene Persönlichkeit dribbelt er sich durchs Stück. Er kauderwelscht seinen Text. Und ohne ein Wort zu verstehen, versteht man alles. Bis ihm der Doktor eine silberne Gaumenplatte verpasst, die diesem Camille plötzlich geradezu Staatsschauspielweihen verleiht. Das Glück ist kurz: ein kräftiger Kinnhaken haut ihm das kostbare Ding heraus. Wie tragisch. Also lachen bis zur Schmerzgrenze.

Dass das alles wie am Schnürchen läuft, dafür sorgt nicht zuletzt Jürgen Roses Bühnenbild. Rot und eng der Raum im Hause Chandebise, grün und weit die Hotelhalle mit Wendeltreppe, diversen Türen, Kitsch-Boudoir, Lotterbett und Drehwand. Vom Feinsten die Kostüme, die das 1907 uraufgeführte Stück in die 20er-Jahre verlegt und ihm so eine uns eher entsprechende, kühle Eleganz verleihen. Der am Ende heftig bejubelte Abend dauert dreieinhalb Stunden. Davon sind 180 Minuten das reinste Vergnügen. Wenn man sagen würde, dass in jenen Restminuten das französische Spiel auch mal schwer deutsch am Boden klebt, wäre das nur kleinliche Mäkelei. Denn in Wahrheit setzt man niemandem einen Floh ins Ohr, wenn man sagt: Da muss man hin.

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