Die jüdische Tochter

- Dieses Buch ist ein ausgefallenes Plädoyer. Es ist zu didaktisch, um nur der persönlichen Neigung und zu literarisch, auch zu pathetisch, um nur der wissenschaftlichen Untersuchung zu dienen. Die Bestsellerautorin Viola Roggenkamp übt sich als vehemente Rechtsanwältin. Ungewöhnlich ist, was sie verteidigt, es ist das verleugnete Jüdischsein in der Familie Pringsheim/ Mann: "Die schlimme Verführung. Das verbotene Andere. Das Besondere."

"Worüber ich schreiben will, hätte Erika Mann nicht gefallen, und ihrer Mutter Katia Mann auch nicht." Schon im ersten Satz von "Erika Mann. Eine jüdische Tochter. Über Erlesenes und Verleugnetes in der Familie Mann-Pringsheim" distanziert sich die Biografin von ihren Protagonisten. Doch nur in der Streitfrage. Im heftigen Engagement hingegen, mit dem die jüdisch-deutsche Autorin ihre entdeckerischen Zeitreisen unternimmt, manifestiert sich ungeheure Nähe.

"Wir können es uns nicht leisten, auf Dich zu verzichten."

Erika Mann

Feinfühlig und in zahlreichen Originalzitaten sicher verankert, vertieft Roggenkamp Umstände, die zu dem Versuch geführt haben mögen, das Jüdische in der Familie beiseite zu schweigen. Als Beweisstücke für das bisherige Versäumnis, die Sprache auf "das Jüdischsein" zu bringen, unterzieht sie gleichzeitig verschiedene Publikationen einer minuziösen Szenenanalyse, etwa Heinrich Breloers Film "Die Manns" oder verschiedene Erika-Mann-Biografien. Die Folge dieser Verquickung von Passion und Mission: Zuweilen dreht sich der detaillierte, aber oft rhetorische und auch sprachlich sehr elliptische Ansatz um sich selbst. Doch zweifellos ist die These der Autorin bedeutend; sie macht eine Philosophie daraus. Sie erzählt die Lebensgeschichte der Pringsheim/Mann-Frauen von der gesellschaftstüchtigen Hedwig bis zur einzelkämpferischen Erika exemplarisch neu: als eine jüdische. Denn so leicht es das jüdische Versteckspiel bei den Manns auch hatte - mit dem berühmten eingeheirateten Thomas Mann vor sich, auch mit der ausgesprochenen familiären Toleranz Homosexualität gegenüber -, trotzdem hat das unbestreitbare Verschwiegene ihr Leben entscheidend beeinflusst.

Die Fülle der Argumente Roggenkamps ist fundiert und beginnt bei wichtigen grundsätzlichen Fragen, etwa nach dem Antisemitismus vor den Nationalsozialisten. Eine interessante und weitreichende Überlegung ist sicher auch: "Was wäre aus Thomas Mann geworden ohne die Juden?" Eine Antwort liefert Katia: "Wir emigrierten, mein Mann hatte gar keine Möglichkeit, sich nicht von Nazi-Deutschland zu distanzieren." Und die "jüdische Tochter", die keine sein wollte, schrieb ihrem "Zauberer": "Wir können es uns nicht leisten, auf Dich zu verzichten und Du darfst es Dir nicht leisten, uns zu verraten." Das kleine jüdische Eingeständnis einer in eigenen Worten "selbstmörderisch unbequemen" Kabarettistin und politischen Journalistin. Heute wäre Erika Mann hundert Jahre alt geworden.

Viola Roggenkamp: "Erika Mann. Eine jüdische Tochter". Arche, Hamburg/Zürich, 256 Seiten; 19,90 Euro.

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