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Porträtgalerie der Soldaten im Ausstellungsabschnitt „Der Krieg beginnt“.

Zerstörte Hoffnung

München - Diese Ausstellung zeigt Schicksale aus Bayern: „Krieg! Juden zwischen den Fronten 1914–1918“ im Jüdischen Museum München.

Wir treten unter sie – die damals vor 100 Jahren in den Krieg zogen, nicht ahnend, dass er „Erster Weltkrieg“, ja „Ur-Katastrophe“ genannt werden würde. Wir treten unter die jungen Soldaten, die vor dem Fotografen mehr oder weniger stolz posierten und die uns im doppelten Sinne das Herz berühren. Denn die uns da anschauen, sind jüdische Deutsche und voller Hoffnung, dass ihr – damals als patriotisch geltender – Kriegseifer ihre Gleichstellung mit anderen Deutschen unauslöschlich machen würde. Eine Hoffnung, die schon während der Kämpfe Risse bekam und letztlich in den KZ-Öfen in Rauch aufging.

Diese Geschichte erzählt die Ausstellung „Krieg! Juden zwischen den Fronten 1914–1918“ im Jüdischen Museum München. Kuratorin Ulrike Heikaus hat sie mit Blick auf Bayern in zweijähriger Arbeit hervorragend erfasst und so facettenreich wie besucherfreundlich aufbereitet, optisch dezent und bemerkenswert klug unterstützt von den Berliner Gestaltern Iglhaut + von Grote: Da stellt das Team den Besuchern zum Beispiel auf der ersten Präsentationsebene im Abschnitt „Der „Krieg beginnt“ eine Phalanx von Soldatenporträts entgegen, die frei im Raum hängen. Wir begegnen ihnen ganz nah, bewegt von den Bubengesichtern, der elegischen Miene eines eleganten Manns oder der Haltung eines feschen Soldaten. Auf der Rückseite des Großfotos müssen wir dann lesen, dass dieser jüdische Franke, 1896 in Bamberg geboren, schon 1916 fiel. Hans Bloch aus München, auch so ein Kindergesicht, das absolut nicht in die Schlacht gehört, wurde 1942 im KZ Mauthausen ermordet.

Gerade mit dem Münchner lässt sich ein Bogen schlagen zur zweiten Ausstellungsebene. Denn dort konfrontiert uns Heikaus mit der Phalanx antisemitischer Zitate bis hin zu Mord-Wünschen, alle genau mit Schriftstück und Herkunft belegt. Schon mitten im Krieg flammte der Antisemitismus auf, von „jüdischen Drückebergern“ wurde gefaselt. Es kam 1916 zu einer „Judenzählung“ im Heer. Die wurde nie veröffentlich, weil sie nämlich bewiesen hätte, dass es keinerlei „Drückeberger“ unter den jüdischen Deutschen gab. 96 000 Männer „dienten“ (bei rund 550 000 jüdischen Deutschen) – vom einfachen Soldaten bis zum Arzt. Die jüdischen Organisationen hatten „die patriotische Pflicht“ als Chance angesehen, sich als Deutsche „zu beweisen“, und hatten deswegen Aufrufe zur Kriegsteilnahme gestartet. Dass die Verbände bereits misstrauisch waren, zeigt ein zweiter Aufruf: Man solle sich nur ja den Dienst im Feld bestätigen lassen. Das nützte alles nichts. Gleich nach der Niederlage wurden die Juden beschuldigt. Sie wehrten sich zwar energisch gegen Verleumdungen – es gibt sogar ein Flugblatt, das sich an den „Reichskanzler Hitler“ richtete –, dennoch grenzten die Nazis sie ab 1933 aus.

Um die „Kontinuitätslinie des Antisemitismus“, so Heikaus, erfahrbar zu machen, werden auch auf der zweiten Ausstellungsebene individuelle Schicksale mit Erinnerungsstücken vom Fotoalbum über das Kriegstagebuch bis hin zu Sektionsinstrumenten illuminiert. Diese benutzte der Münchner Arzt Siegfried Oberndorfer (Jahrgang 1876), der Armeepathologe wurde, also entscheidend wichtig war etwa bei der Seuchen- oder Vergiftungsbekämpfung (Giftgas). Der renommierte Wissenschaftler, später Chef der Pathologie im Klinikum Schwabing, wurde in der Nazi-Zeit entlassen. Er ging 1934 nach Istanbul an die Universität, wo er weiter wirkte, bis er 1944 starb.

Wohltuend ist, dass sich die Schau wehrt, der zum Teil erzwungenen Kriegsbegeisterung allein das Feld zu überlassen. In sehr gut ausgewählten Hörbeispielen und Antikriegs-Gedichten zum Mitnehmen kommen die Mahner zu Wort.

Simone Dattenberger

Bis 22. Februar 2015

täglich außer Mo. 10–18 Uhr, St.-Jakobs-Platz 16, Tel. 089/ 233 96 096; Katalog, Hentrich & Hentrich: 24,90 Euro.

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