Jüngling von graziler Nacktheit

- "Ja, Herrschaftszeit`n", hatte er gedonnert. "Herrschaftszeit`n, der soll in den Fliegenden Blättern seine saudummen Karikaturen weiterzeichnen! So ein Bürscherl . . ." Franz von Lenbach, der eigentliche Münchner Malerfürst, war außer sich über das freche, andersartig-sinnliche, neue Gemälde "Wächter des Paradieses" des jungen Franz Stuck, welches den Beginn einer Kunstrevolte markierte und ihm seine autoritäre Position streitig machen sollte.

<P>Vor dem Engelsjüngling von muskulöser, graziler Nacktheit hatte man sich 1889 im Münchner Glaspalast empört und begeistert zugleich die Nase platt gedrückt - und das hieß schon was, hing hier schließlich dicht gedrängt Bild an Bild. <BR><BR>Die Münchner Kunstwelt der Prinzregentenzeit wurde also erschüttert von Franz Stuck, jenem Naturtalent, dem "Bürscherl" aus dem niederbayerischen Tettenweis. Erschüttert von einem willensstarken Genie, das darstellen konnte auf unterschiedlichste Art und sich vor allem selbst darzustellen, zu inszenieren und zu vermarkten wusste. Stuck war ein "Allrounder", wenn man so will, mit einem außerordentlichen Händchen für - zeitgemäß gesprochen - Marketingstrategien. </P><P>Der Sezessionsrebell (im April 1892 schlossen sich mehr als hundert Künstler zum Verein zusammen, um der gefälligen, prunkvollen, alten Malersoße der Akademien und Lenbach den Garaus zu machen) hatte später einen Professoren- und Adelstitel und ließ sich schon früh einen eigenen Showroom errichten: einen richtigen Palazzo in seinem eigens zelebrierten Arkadien im "Isar-Athen". <BR><BR>Das Museum Villa Stuck huldigt nun in Zusammenarbeit mit den Nachfahren des Malers mit einer ersten großen Schau seit hundert Jahren und vielen bis dato ungezeigten Werken genau den Aspekten der Vermarktung und Mediennutzung. "Franz von Stuck. Die Kunst der Verführung" zeigt in der Hauptsache ein Potpourri grafischer Arbeiten und versteht Verführung genau in diesem Sinne: als sinnlicher Sinnesreiz mit Programm - künstlerisch und ökonomisch-strategisch. <BR>Wir erkennen anhand der Vielfalt der 250 Werke, dass Wiederholung von Motiven und Figurenarsenal keinesfalls Einfachheit bedeutet. Das hatte man viel zu lange angenommen, Stucks Kunst deshalb als einsilbig, als einfältig, als schnörkeligen Jugendstil abgetan. Die Wiederholung demonstriert aber Modernität und will als experimentell anerkannt sein, als eine Arbeitsweise, die bis zur Perfektion systematisiert ist. <BR><BR>So sehen wir beispielsweise den Kopf der Pallas Athene als Signet, als Werbezeichen für die ganze Geschichte der Münchner Secession und als bahnbrechend für den Plakatstil in Deutschland. Die Kunst Stucks ist osmotischer Natur und so die fantastische Präsentation: Wenn auf dem Ölgemälde "Franz und Mary Stuck im Atelier" der Künstler in der selbstverständlichen Pose des Malers vor leerer Leinwand zu erkennen ist, findet man im Bild hinter Mary Reliefs und neben ihr einen roten Armlehnstuhl, alles vor dem Altar der Sünde. <BR>Dichter geht es nicht im Bild, origineller geht es nicht in der räumlichen Schau: Das Möbel findet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Bild, inklusive dazugehörender Zeichnungen. Der Reigen arabeskenhafter Tänzerinnen ist als authentisches Relief zu bestaunen. Und: Das Gemälde fungiert als Teil fürs Ganze - Stucks Villa als Gesamtkunstwerk. Daher lässt sich auch mittels Fotografien der Villa Stuck, die der Maler eigens überzeichnet hat, verfolgen, wie das Gebäude erweitert wurde, welche Details sich Stuck in Form von Friesen und Innendekor dachte. <BR><BR>Natürlich fehlt auch nicht neben völlig eigenständigen Zeichnungen eine nachvollziehbare Demonstration der Anfänge des Gebrauchsgrafikers Stuck. Man schwelgt in Auftragsarbeiten, Vorlagszeichnungen zu bekannten Mappenwerken, Illustrationen für das beliebteste Witzblatt in Deutschland, die "Fliegenden Blätter", von denen Lenbach eingangs sprach und bei denen sich auch Wilhelm Busch seine ersten Sporen verdient hatte. <BR><BR>Besonders eindrucksvoll und versteckt didaktisch dargeboten sind überdies die Aspekte: "Rahmen und Bildraum" sowie im Obergeschoss Bronzeplastiken und die Themen Archetypen und Verführung. Gerade hier lässt sich Stuck gänzlich neu entdecken: Seine gekonnte Selbstverständlichkeit als Selbstverständnis. <BR><BR>Bis 6. Januar 2003, Di.-So. jeweils 10-18 Uhr, Telefon: 089/ 455 55 10, Katalog: 22,50 Euro. <BR><BR></P>

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