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Liefert eine wunderbare Schlager-Parodie: Genija Rykova in "Das Chamäleon".

Premierenkritik

Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?

München - Jürgen Kuttner richtete fürs Münchner Residenztheater im Marstall seine Diskurs-Revue „Das Chamäleon“ ein. Unsere Premierenkritik:

Zumindest in Sachen Schlager dürfte jetzt alles klar sein: Man unterscheidet hier drei grundlegende Typen, nämlich den „Schlager-Schlager“, den „Präzisionsschlager“ und den „Kollateralschlager“. Diese tiefsinnige Einsicht verdanken wir Jürgen Kuttner, der zu Recht behauptet: „Ich kann schneller sprechen, als Sie hören können.“

Vor allem ist der auch an Münchner Theatern gern gesehene Berliner Vortrags-Performer aber Weltmeister in der Kunst schnoddrigen Schwurbelns, die er in so irrwitzige Höhen treibt, dass es schon wieder genial ist – wenigstens im glücklichen Fall. Wenn er, wie bei seinem jüngsten Projekt im Münchner Residenztheater (Marstall), diese absurde Gedanken-Artistik nämlich auf einen zweistündigen Abend ausdehnt, wird sie notwendig etwas verwässert.

Aber sei’s drum, auch wenn man Kuttner schon besser erlebt hat, unterhaltsam und witzig ist der „qualifizierte Quatsch“, den er dem Publikum ankündigt, trotzdem. „Das Chamäleon – Wer ,Ich‘ sagt, lügt schonmal“ heißt diese „Diskurs-Revue“, in der es – Achtung! – um Identität geht. Auf Deutsch: schwieriger als die alte Schweinderl-Frage „Was bin ich?“, ist die Frage „Wer bin ich?“ zu beantworten.

Szenen aus "Fight Club" auf der Theaterbühne

Folglich erhält Kuttner Unterstützung von drei „professionellen Identitätsdieben“, also den wunderbaren Residenztheater-Schauspielern Genija Rykova, Gunther Eckes und Arthur Klemt. Die spielen zwischen gestaffelten Schiebekulissen etwa eine Szene aus dem Film „Fight Club“ nach, in dem zwei Seelen, ach, in der Brust des Helden wohnen. Dann schnallen sie sich Mineralwasserflaschen unter die Füße, um quasi übers Wasser zu wandeln wie Jesus, der ja als Vater, Sohn und Geist in einem auch eine schwierige Identität hat. Und endlich mimen sie mit Tropenhelm und Botanisiertrommel noch „Opportunismusforscher“, die in „Brehms Tierleben“ fündig werden, natürlich beim Chamäleon, das seine Farbe (also Identität) immer der Umgebung anpasst. So wie laut Kuttner die Sozialdemokraten, die 1914 dem Weltkrieg zustimmten und in jüngerer Zeit unter Gerhard Schröder „den größten Sozialabbau, den es in Deutschland gab“, durchführten.

Kuttner ist im "Gottschalk-Modus"

Dass Kuttner diesmal „im Thomas-Gottschalk-Modus“ ist, sieht man schon an seinem Gold-Glitzeranzug und den Silberschuhen. Ansonsten klappt er die Hornbrille rauf und runter wie ein Visier und erklärt: „Wir tun so, als ob wir ’ne Show machen, und Sie tun so, als ob Sie Showpublikum wären.“

Denn irgendwie hat das ja auch mit Identität zu tun, dass wir im wirklichen Leben alle immer „so tun, als ob“. Weil man in der Leistungsgesellschaft halt notgedrungen den tollen Hecht geben muss, wenn man keinen Konkurrenznachteil haben will; und bei all der erzwungenen Verstellung kann das Ich schon mal flöten gehen. Insofern verschnörkeln die schicken, angesagten Theorien von der „Identität als Konstrukt“ bloß die handfesten ökonomischen Ursachen der Selbstentfremdung.

Ach ja – und dann sind da natürlich noch die Schlager. Die kommen, wie es sich für das Beste gehört, ganz am Schluss, wenn die drei Schauspieler vor einem funkelnden Lametta-Vorhang eine so süffige, perfekte und ironische Karaoke-Schau abziehen, dass Helene Fischer und Co. noch was lernen könnten. Was freilich die Identität der eingespielten Schnulzen angeht, war nicht ganz klar, ob es sich nun um Präzisions- oder doch eher um Kollateralschlager handelte.

Langer Beifall.

Alexander Altmann

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