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Erstes Schnupper-Treffen im Königssaal: 80 Paten-Paare trafen sich vor zwei Wochen im Nationaltheater.

Jugend-Aktion: Mit dem Opern-Bazillus angesteckt

München - Jugendarbeit ist für jede Kulturinstitution heute Pflicht. Die Bayerische Staatsoper hat sich hier etwas Besonderes ausgedacht: Erfahrene, zum Teil prominente Fans nehmen „Patenkinder" mit in die Vorstellung. Heuer wurde diese Aktion bereits zum fünften Mal durchgeführt.

Patin und Patenkind waren schon sehr überrascht, als sie sich im Königssaal des Nationaltheaters kennenlernten und feststellten: Wir sind ja beinahe gleich alt! Tara Erraught, die 24 Jahre junge, erfolgreiche Mezzosopranistin an der Bayerischen Staatsoper, und die 23-jährige Alexandra Wolf, Schülerin der Berufsoberschule, suchten und fanden einander als die „Blaue 13“ - so die Aufschrift ihres Wapperls, mit denen die Paare zugelost wurden. Die Verwunderung war also groß: Das Patenkind ist dem Kindesalter längst entwachsen - und die Patin ist noch lange keine Seniorin...

80 Paare fanden sich so vor zwei Wochen im Münchner Nationaltheater. Heuer schon zum fünften Mal hatte die Bayerische Staatsoper zu ihrem Patenschaftsprojekt eingeladen. Bei dieser Aktion begleiten erfahrene Opern- und Ballettbesucher Jugendliche bei ihren ersten Erlebnissen im hehren Haus.

Nur zehn Euro kostet die Karte fürs Patenkind

Die Paten - der Jüngste ist in diesem Jahr gerade mal 16 Jahre alt - kaufen sich ganz regulär eine Karte ihrer Wahl, und das Patenkind darf für nur zehn Euro daneben sitzen. Voraussetzung: Es muss sich um einen absoluten Neuling in Sachen Oper oder Ballett handeln. Der Nachwuchs soll auf diese Weise die Chance bekommen, das „Kraftwerk der Gefühle“ kennenzulernen und sich vielleicht mit dem Opern-Ballett-Bazillus ihrer Paten infizieren lassen.

Hennig Ruhe und Ursula Gessat, die zuständig für die Kinder- und Jugendarbeit an der Bayerischen Staatsoper sind, sorgen dafür, dass die Auswahl der Patenkinder bunt ist: Diese kommen aus München und Umgebung, besuchen die unterschiedlichsten Schulen, Institute und Jugendeinrichtungen und müssen mindestens 16 Jahre alt sein - damit sie abends allein unterwegs sein dürfen.

„Dieses Projekt soll Jugendlichen, auch solchen, die sonst nie die Möglichkeit hätten, eine Oper anzuschauen, einen ersten Kontakt ermöglichen und ihnen die Scheu nehmen, einen altehrwürdigen Musentempel zu betreten“, erläutert Ursula Gessat. Beim fünften Durchgang der Aktion locken dieses Mal „Rusalka“, „Aida“, „Der Rosenkavalier“ und das Ballett „Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere“ langjährige Fans (darunter Schauspielerin Senta Berger, Dirigent Asher Fish, Toni Schmid vom Kunstministerium) und die Opern-Debütanten ins Nationaltheater. Das öffnete schon beim Kennenlern-Treffen seine Pforten weit und ließ sich auch hinter die Kulissen schauen.

Alexandra Wolf ahnt, dass in der Oper viel Gesang auf großer Bühne auf sie wartet und hofft, dass es „atemberaubend“ wird. Aufrecht und hochkonzentriert sitzt die zarte, rot-lockige Münchnerin neben ihrer irischen Patin. Tara Erraught, vor einigen Wochen mit Riesenerfolg als Romeo in der Premiere von „I Capuleti e i Montecchi“ eingesprungen, hat ihre erste Oper als Dreizehnjährige mit den Eltern in der Arena di Verona erlebt. Sie verriet ihrem Patenkind rechtzeitig und lachend, dass „Aida“ von Verdi „Gott sei Dank nicht so lange dauert wie ‚Saint Francois d‘Assise‘, die diesjährige Festspielpremiere“. Ein Fünfeinhalbstünder übrigens.

Alexandra Wolf, die sich kürzlich im Residenztheater nebenan Schillers „Turandot“ anschaute, betritt im Nationaltheater musikalisches Neuland. „Klassik höre ich sonst nie, eher Rock und Pop.“ Und als der Begriff „Housemusic“ fällt, muss auch Tara Erraught erst einmal aufgeklärt werden, dass es sich dabei nicht um Kammermusik für Klavier und Geige handelt, eher um Elektronisches...

Schon beim ersten Treffen offerierte die Staatsoper den 80 Paten-Paaren zum Sekt Mozart-Häppchen, serviert von den jungen Sängern des Opernstudios. Jedes Patenkind bekam überdies Wissenswertes über die jeweilige Oper, den Komponisten und die Interpreten in die Hand gedrückt, und vor der Vorstellung gab es noch einmal eine gezielte Einführung. Für Wolf war sogar ein kleiner Schlenker über die „Aida“-Bühne, wo schon die Tänzer warteten, eingeplant.

Zum Operndebüt „Aida“ inklusive Bühnenführung

In der Pause dann - beim lockeren Plausch in der Loge - strahlten alle Neulinge. Und die junge Münchnerin staunte: „Ich finde es ziemlich modern und hatte es mir viel spießiger vorgestellt.“ Beeindruckt ist sie von den vielen Menschen auf der Bühne, die ihr die Geschichte Aidas erzählen, von der tollen Choreographie („ich habe selbst Jazz-Dance gemacht“) und natürlich von der leidgeprüften Titelheldin.

Ob sie sich einen nächsten, selbst organisierten Opernbesuch vorstellen kann? „Ich glaube schon. Aber da packe ich meinen Freund ein“, strahlt die 23-Jährige, die natürlich ihre irische Sänger-Patin auch einmal auf der Bühne sehen möchte. Vielleicht in „L’Enfant et les sortilèges“, „Rusalka“ oder im „Liebestrank“? Und für die nächste Saison lockt Tara Erraught bereits mit ihrer Rosina in Rossinis „Barbier von Sevilla“. E-Mail-Adressen und Mobiltelefonnummern wurden jedenfalls ausgetauscht.

Jetzt muss nur noch der Freund „ja“ sagen - zum gemeinsamen Opernbesuch, versteht sich.

Gabriele Luster

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