Jugend in Berlin-Mitte

- Ein Wochenende in Berlin-Mitte: Florian kommt gerade an, um zu studieren. Er trifft Fried, den Freund aus Schulzeiten, und Rick, mit dem er Zivildienst geleistet hat. Schon am gleichen Tag findet er auch ein WG-Zimmer bei Anke und Judith. Am Abend trifft er auf einer Party Carsten, Judiths Freund, Käthe, dessen Schwester, Andreas, der einen Film drehen will, und auf Till, der ihn produzieren möchte. Vor allem aber verliebt er sich unsterblich in Petronella, Tills langjährige Freundin. Von diesem Abend aus verfolgt "Wir" das Leben eines guten Dutzend junger Leute zwischen Anfang und Mitte Zwanzig. Im Berlin der Gegenwart durchleben sie die letzten Jahre ihrer Jugend, genau die Schwelle zwischen der Freiheit des Anfangens und dem Moment des Erwachsenwerdens, an dem die Entscheidungen beginnen, echte Konsequenzen zu haben.

Der Reigen der Gefühle und Lebenssituationen, den dieser Ensemblefilm entwickelt, verdichtet sich zur sehr präzisen Momentaufnahme eines Lebensgefühls und Milieus. Regisseur Martin Gypkens erzählt von sich selbst, von Dingen, Gefühlen und Haltungen, die er kennt. Nichts ist nur behauptet. "Wir" stellt die existentielle Frage, wie man sein Leben gestalten soll. So gelingt Gypkens ein bestechender Film, zeitgemäß und zwingend. Er fängt viel ein von der Melancholie, die das Ende der Jugend durchzieht, und er verzichtet darauf, allem, noch den schlimmsten Erlebnissen, verkrampft einen positiven Sinn geben zu wollen.

Es ist auch stilistisch eine komplizierte Aufgabe, der sich der Potsdamer Filmstudent in seinem Debüt gestellt hat: Selbst erfahrene Filmemacher scheitern am schwierigen Genre eines Episodenfilms, der Herausforderung, alle Figuren als Personen und nicht nur als Chiffren für bestimmte Temperamente einzusetzen und als Individuen auf der Leinwand präsent werden zu lassen. Gypkens löst alles mit Bravour. "Wir" ist ein sehr gelungener Erstling, einer der besten deutschen Filme des letzen Jahres, der an Substanz, Geist und Humor manche Großproduktion in den Schatten stellt. (In München: Atelier, Maxim.)

"Wir"
mit Oliver Bokern,
Brigitte Hobmeier
Regie: Martin Gypkens
Hervorragend

 

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