Jugend, Liebe, Hoffnung

- "Den Duft der Jugend - den Glanz der heimlichen Hoffnung, die nicht ersterben kann, so lange ein Herz schlägt - die Wärme der wahren, der unverlogenen, der einzig schöpferischen Liebe zum irdischen Wesen": Das alles lobte Carl Zuckmayer an dem 1932 erschienenen Roman "Kleiner Mann - was nun?" seines Schriftsteller-Kollegen Hans Fallada (1893- 1947). Und das ist es im Prinzip auch, was wir heute bestaunen an der jungen Truppe von Christian Stückls Volkstheater. Jugend, Liebe, Hoffnung. Das Wunder von München.

<P>Stückl hatte Recht, Falladas weltberühmten Roman im Spielplan aufzunehmen, eine Zurechtstutzung für die Bühne zu wagen und dies Regisseur Gil Mehmert anzuvertrauen. Denn diese zu Herzen gehende Geschichte einer Liebe in den Zeiten der Weltwirtschaftskrise weist, wenn freilich alles auch ganz anders ist, durchaus beunruhigende Parallelitäten zu heute auf.<BR><BR>Eine Bearbeitung der literarischen Vorlage muss natürlich in jedem Fall Fragment bleiben. Das war in den diversen Verfilmungen des Romans so, selbst in der prominenten Bühnenversion Peter Zadeks und Tankred Dorsts. Und das ist es auch jetzt in der Fassung von Mehmert und Dramaturg Volker Bürger. Was Fallada jenseits der Dialoge genial eingefangen hat - die Stimmung, das Lebensgefühl jener Zeit, der Abstieg des Angestellten Pinneberg zum Heer der Ausgestoßenen, der Verlust aller Hoffnung und die Aura einer bedingungslosen Liebe - das muss szenisch sozusagen erwirtschaftet werden. </P><P>Dass dies der Aufführung über weite Strecken hervorragend gelingt, dafür sorgen der Regisseur mit seiner schier unerschöpflichen Fantasie, neun Schauspieler in mindestens 35 Rollen und drei Musiker, die mit ihrer Instrumentierung der Szenen die unterschiedlichsten Funktionen zu erfüllen haben. Zum Beispiel wird eine E-Gitarre zum Taxi oder das Schlagzeug zum Ort, an dem sich Pinneberg schnell mal seine Wut abreagiert.<BR><BR>Mehmert versteht die Kunst, aus wenig viel zu machen. Von Alissa Kolbusch ließ er sich eine Revuebühne bauen. Im Hintergrund eine Projektionswand für Stadt- und Landschaftsbilder, davor eine schöne Freitreppe, verschiebbar, teilbar und so weiter. Sie kann Arztpraxis, Bett oder Tisch sein, Rampe oder Straße, von der Pinneberg am Ende grob heruntergeschubst wird. Über der Bühne eine bespielbare Brücke. Des weiteren eine kleine aufgesetzte Drehscheibe, auf der die getriebenen Großstadtmenschen herumgeworfen werden wie im Teufelsrad.<BR><BR>Herz, Gefühl, Verstand</P><P>Auf dieser Einheitsbühne imaginiert Mehmert die verschiedenen Schauplätze der rasant wechselnden, kurzen Szenen. Da erfindet er wunderschön-einfache Miniaturen - wie die sich komisch vervielfachende Zimmerwirtin. Oder wenn in der Futtermittelhandlung 800 Zentner Mais im Akkord verpackt werden müssen, werden Schauspieler, Musiker und die ganze Bühne zu einer im Rhythmus stampfenden Maschine. Traumhaft auch Lämmchens und Pinnebergs Ausflug ins Grüne - mit Kahnfahrt und dem vorübergleitenden Segelflieger der Arbeitgeberfamilie Kleinholz. Das alles aber würde nicht viel bedeuten, wären die Schauspieler nicht mit Herz, Gefühl und Verstand dabei. Im besonderen Maße Brigitte Hobmeier und Leopold Hornung. Sehr schön und unsentimental spielt sie die Entwicklung Lämmchens von der unbefangenen Optimistin zur sorgengereiften jungen Frau. Lämmchen, das Proletarierkind, bewahrt sich im Elend Stolz, Liebe und Kraft. Eine Lebens- und Klassen-Überlegenheit, die Hobmeier sehr glaubhaft ausstrahlt. Ebenso überzeugend ist Hornung als kleiner Verkäufer Pinneberg. Er spielt ihn so, wie sie ihn stets nennt, als großen, sympathischen Jungen - zwischen Witz, Hoffnung und Verzweiflung und dem Nicht-fassen-Können, was mit ihm geschieht. Dabei äußerst emotional, wohl auch selbst ergriffen von seiner Rolle, quasi überrollt von ihr. Der Schauspieler wird noch lernen, den eigenen Gefühlszustand auf der Bühne in den Griff zu bekommen.<BR><BR>Das kriminell und sündig angehauchte Gegenpaar zu Lämmchen und Pinneberg, die Lebenskünstlerin Mutter Pinneberg und Jachmann, der Ganove mit Herz, ist bei Ursula Burkhart und Alexander Duda gut aufgehoben. Aber auch alle anderen sind mit Elan und Lust bei der Gestaltung des zum Teil irrwitzigen Typen-Kabinetts.<BR><BR>Bis zur Pause gelingt ein hinreißender Theaterabend. Danach hätte Mehmert straffen müssen. Zudem rächt sich, dass er die Geschichte nicht konsequent um 1930 spielen lässt, sondern sie zunehmend mit Zeichen von heute vermischt. Unserer Zeit gemäß verwässert er denn auch den Schluss. Fallada singt sein Hohelied auf die Macht der Liebe ohne jeden Misston. Sie bleibt unzerstörbar, gibt Halt, fängt Pinneberg immer wieder auf. Mehmert ist da mutloser. Am Ende sitzt Pinneberg auf den Stufen der Treppe. Seine Frau kommt zu ihm, verweilt einen Moment, streicht ihm über den Kopf - und geht an ihm vorbei, weiter nach oben. Wer hätte das von Lämmchen erwartet . . . Ein ergriffenes Publikum und großer Beifall. <BR><BR></P>

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