+
„Diese Stadt gehört uns allen“: Sharon Bruck (li.) und Eva Rapaport (re.) haben die Jugendlichen Sheka, Merle, Joana und Mbacke (v. li.) bei den Workshops betreut.

Jugend-Projekt „Schmück deine Stadt“ in der Pinakothek der Moderne

Neuer Anstrich für München

Gebürtige, geflüchtete und zugezogene Münchner zeigen noch bis 5. Juli in der Pinakothek Kunstwerke, in denen sie Münchner Gebäuden einen neuen Anstrich verpasst haben. Es geht um Hoffnungen, und Träume, Ängste und Sorgen. Aber vor allem darum, dass alle Menschen gleich sind.

Die Wunden der Alten Pinakothek sind noch heute erkennbar: Dort, wo im Zweiten Weltkrieg Bomben eingeschlagen sind, wurde die Fassade nie komplett rekonstruiert. Die Stellen wurden nur durch unverputztes Ziegelmauerwerk ersetzt; es sind mahnende Erinnerungen. Sheka hat eine ähnliche Botschaft. Der 20-Jährige hat ein Kunstwerk entworfen, das die Fassade in einem neuen Licht erstrahlen lässt: Bunte Graffiti zieren das Gebäude, „Peace and Love“ steht da, immer und immer wieder. „Wir müssen verstehen, dass wir alle gleich sind“, erklärt der Münchner, der ursprünglich aus Westafrika kommt. „Sonst gibt es weder Frieden noch Liebe.“

„Ganz unabhängig von meinem Pass, meiner Sprache oder meiner Ausbildung: Ich lebe hier und das ist meine Stadt.“

Wochenlang haben er und seine Teampartnerin Joana an dem Photoshop-Werk gearbeitet. Jetzt ist das Bild im Wintergarten der Pinakothek der Moderne zu sehen. Es ist Teil der Ausstellung „Schmück deine Stadt“ von Youthnet, einem Jugendnetzwerk des Vereins Lichterkette. Sechs Monate lang haben sich 22 Jugendliche regelmäßig zu Workshops getroffen, alle unterschiedlicher Herkunft. „Wenn sie unsere Schwelle übertreten, ist das aber völlig egal“, sagt Projektleiterin Eva Rapaport. „Es geht uns darum, in Teams zusammenzuarbeiten und zu erkennen: Kulturelle Schranken sind nicht wichtig.“

Das lernen die Jugendlichen beim Kochen, in Rollenspielen und beim Teamsport. Die Ausstellung ist das Finale. Bei einer Führung durch die Pinakotheken hat sich jeder Teilnehmer ein Kunstwerk zur Inspiration ausgesucht. „Dann haben wir versucht, die Stadt mit einzubeziehen“, sagt Rapaport. Dafür haben die jungen Leute Gebäude ihrer Wahl fotografiert. Am Computer haben sie gelernt, wie man die Bilder bearbeiten kann, um sie mit Gemälden und eigenen Graffiti zu schmücken. „Das Ergebnis soll ausdrücken: Ganz unabhängig von meinem Pass, meiner Sprache oder meiner Ausbildung: Ich lebe hier und das ist meine Stadt.“

Junge Leute setzen mit ihren Werken ein Statement

In Zweierteams haben die Jugendlichen München einen neuen Anstrich verpasst. Das Bild von Shekas Partnerin Joana hängt gleich neben seinem; es zeigt die Glyptothek. Werte wie „Menschenrechte“, „Freiheit“ und „Gleichberechtigung“ zieren ihre Säulen auf Deutsch, Englisch und Krio, Shekas Muttersprache. Die beiden Werke verbindet ein Foto von Shekas und Joanas Händen, die nacheinander greifen.

Sheka und Joana wollen mit ihren Werken ausdrücken: „Wir müssen verstehen, dass wir alle gleich sind.“

„Wir sind zwar aus unterschiedlichen Welten“, erzählt die 16-Jährige, „aber wir waren sofort auf einer Wellenlänge“. Am Anfang des Projekts hätten sie und Sheka darüber gesprochen, was ihnen wichtig ist. Schnell seien sie sich einig gewesen: „Egal woher man kommt, jeder hat ein Recht auf Freundschaft, Liebe und Freiheit“, sagt Joana. Ihre Hände haben die beiden auch in die Säulen der Glyptothek gefügt. „Solange wir zusammenhalten, ist alles gut. Das gibt uns Halt.“

Mit welchem Thema sich die jungen Künstler beschäftigen, war ihnen überlassen. Viele von ihnen haben ein Statement gesetzt, manche wollten ihre Hoffnungen und Träume ausdrücken, in einigen Arbeiten geht es aber auch um Ängste und Sorgen.

Mbacke: „Wenn du in ein neues Land kommst, weißt du gar nicht, was du tun sollst.“

Merle hat sich für ihr Bild mit ihrer Vergangenheit beschäftigt. „Die Idee kam mir, als ich ein Gemälde von van Gogh gesehen habe“, erzählt die 16-Jährige. „Eine Sonnenblume. Als ich klein war, hatte mein Opa Sonnenblumen im Garten. Im Sommer hat er uns immer eine mitgebracht.“ Inspiriert hat sie der Zaun vor dem Lenbachhaus. Ihr Werk zeigt ein Foto von sich selbst, hinter dem Gitter. An einigen Stellen verdecken Sonnenblumen und alte Kinderfotos die Sicht auf sie. „Symbole für die Vergangenheit“, erklärt sie. „Was man über die Vergangenheit einer Person weiß, verändert oft das Bild, das man von ihr hat.“ Ihre Arbeit nennt sie „Die Vergangenheit ist ein Zaun, der den Blick verzerrt“.

Etwas düsterer ist das Bild von Mbacke. Der 23-Jährige hat sich ebenfalls die Alte Pinakothek ausgesucht, das Augenmerk liegt auf den drei Metallskulpturen davor. Der Senegalese und seine Partnerin Charlotte haben Fotos von sich in die „Buscano la Luz“ („Auf der Suche nach dem Licht“) von Eduardo Chillida eingearbeitet, auf denen sie sich die Ohren, die Augen und den Mund zuhalten. „Wenn du in ein neues Land kommst, weißt du gar nicht, was du tun sollst.“ Es macht orientierungslos: Nicht die Sprache sprechen zu können, nicht gehört zu werden – und auch nicht gesehen zu werden. Den Boden auf dem Foto hat er durch ein Gemälde ersetzt, das eine bröckelnde Fassade zeigt. Weil er manchmal das Gefühl hat, dass ihm der Boden unter den Füßen wegbricht. Sein Werk trägt den Titel: „La Cité perdue“ – die verlorene Stadt.

Die Ausstellung ist auch online zu sehen unter https://sharonyouthnet.wixsite.com/ausstellung2020

Auch interessant

Kommentare