Der Jugendgewalt abgeschworen

München - Keine Spur von Serail und keine Orient-Assoziationen. Stattdessen eine unwirtliche Lounge mit langer Couch und langer Flaschenbatterie, in der sich sieben Jugendliche treffen: drei Paare, ein Single. Als Bassa seine Freundin stehen lässt und Konstanzes Hand ergreift, entbrennt eine Keilerei zwischen Belmonte und Bassa.

Pedrillo und Osmin mischen mit, die Mädels werfen sich dazwischen ­ so wie im richtigen Leben. Ein Rasiermesser wird gezückt und Bassas Freundin aus Versehen tödlich verletzt.

Konwitschny-Schülerin Gürbaca inszenierte Mozarts "Entführung aus dem Serail" am Theater Augsburg

Dann bricht Mozarts Musik herein und übertönt die ersten Buhrufe, die am Sonntagabend durchs Augsburger Theater schallten, wo Tatjana Gürbaca (Regie) und Sigi Colpe (Bühne, Kostüme) der "Entführung aus dem Serail" einen neuen Rahmen verpassten. Was dabei herauskam, war ein Albee-Verschnitt an Mozart.

Den musizierten Kevin John Edusei und das Philharmonische Orchester Augsburg leider arg banal, oft behäbig und auf der Stelle tretend. Da wackelte der Kontakt zu den Sängern zuweilen bedenklich, schlingerten die Tempi, wurden läppische Begleitfiguren hoch gespült und zugleich hörbar, welch knifflige Instrumentalsoli etwa in der Martern-Arie lauern. Gürbacas kühner Sichtweise tat das keinen Abbruch, obwohl sich auch das Spiel zuweilen zäh zog. Dazu trugen vielleicht auch die auf ein Minimum gekürzten, aber doch nicht mutig und frech genug modifizierten Dialoge bei. Pedrillos "voll krass" sorgt zwar für Lacher, aber Bassa Selims Appell "Nur der Verstand kann helfen" geht im Abgang fast unter.

Dass das aufklärerische Ideal, mit dem Mozart und seine Librettisten Bretzner und Stephanie in ihrem 1782 im Wiener Burgtheater uraufgeführten deutschen Singspiel operierten, an Brisanz nichts verloren hat, wird immer wieder deutlich. Denn latente Gewaltbereitschaft (auch gegen sich selbst) überschattet das Leben der sechs Erwachsenen, die sich als Jugend-Gang durch den unbeabsichtigten Tod der Bassa-Freundin schuldig machten. Immer wieder taucht das Rasiermesser auf, malt Konstanze die Umrisse der Toten auf den Boden.

Suggestiv verdichtet sich dieses Spiel mit Symbolen und Erinnerungen in Konstanzes beiden kurz aufeinander folgenden Arien. In "Traurigkeit ward mir zum Lose" "weckt" sie ­ und das passt bestens zu Mozarts Ton ­ die Jugendlichen wieder auf zum Gespenster-Reigen der Erinnerung und legt sich selbst an die Stelle der Toten. In der folgenden Auseinandersetzung mit Bassa streift er ihr das Kleid der toten Geliebten über und sie drückt ihm das Rasiermesser in die Hand ­ bereit, "Martern aller Arten" zu erdulden. In diesen Momenten beweist die junge Regisseurin (Schülerin von Peter Konwitschny) Mut und Talent und zugleich die Aktualität Mozarts, der Menschen ­ egal ob Türke oder Engländerin ­ auf die Bühne stellte.

In der allgemein herben Grundstimmung, in der der huldigende Janitscharenchor zur unangenehmen körperlichen Belästigung für den Bassa wird, gerät das Buffoneske an den Rand. Immerhin darf Osmin für Blonde die Stiefel putzen und Knöpfe annähen, aber beim listig-lustigen Saufduett mit Pedrillo muss dieser den Wächter mit der stets griffbereiten Flasche k.o. schlagen.

Manch aktionistisches Zuviel auf der sich (zu) oft drehenden Bühne, auf der Sigi Colpe mit strengen Elementen um den Hauptschauplatz herum Auftritts-Winkel und -Ecken schafft, stört und trägt vielleicht dazu bei, dass die Aufführung ihren Rhythmus noch nicht so ganz gefunden hat. Immerhin, das junge Augsburger Sängerteam ist mit Spielfreude bei der Sache: Sophia Brommer sang sich als Konstanze mit koloraturgewandtem Sopran und starker Ausstrahlungskraft an die Spitze. Gefolgt von Anja Metzgers blitzsauberer Blonde und dem mit Bassestiefen protzenden Osmin von Per Bach Nissen. Seung-Hyun Kims Belmonte punktete trotz tenoralem Farbmangel mit langen Atembögen, und Roman Payer steuerte Pedrillo-Munterkeit bei. Frank Siebenschuhs Bassa Selim war zwar oft auf der Bühne, manchmal aber zu wenig präsent.

Als am Schluss der Janitscharenchor nur noch von irgendwoher hereinwehte und Bühnenarbeiter die Szenerie abbauten, mischten sich heftige Buhs in den Applaus der Augsburger.

Nächste Vorstellungen: 8., 11. 13.1., 0821/32 44 900.

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