Jugendstil und Bergpathos

- Kurz nach 1900 hätte man sich die Gegensätze nicht herber vorstellen können. Hier der Bergsteiger mit den dick beschlagenen Lederschuhen, mit grobem Hanfstrick, in schweren Loden gehüllt und der rauen Natur mit geradezu erbärmlichen Mitteln und bloßer Kraft trotzend. Da der Maler in weiß wallendem Hemd, wohlerzogen, silberne Birken vor dünn linierter, zart und verhalten leuchtender Natur einfangend. Jugendstil und Bergpathos - wie gehört denn das zusammen?

Man braucht nur diese kleine Ausstellung im Alpinen Museum München anzuschauen, schon sind alle Vorurteile bestätigt und gleichzeitig widerlegt: Otto Bauriedl (1881-1966) lebte diese Kontraste und Klischees. Winklerturm, Biancograt, Matterhorn und Weisshorn gehörten neben vielen Gipfeln im Karwendel und im Wetterstein zu seinen Erfolgen. Seine größte Leistung war 1902 die Erstdurchsteigung der Spritzkarspitze-Nordwand mit Adalbert Holzer. Schon 1899 hatte Bauriedl die Riesenwand studiert: akribisch, detailliert und doch federleicht mit dem Bleistift. Vor allem das Skizzenbuch zeigt das Gespür des gebürtigen Münchners für die Struktur der Felsen. Unterwegs funktionierte er, wie auf einem Foto von 1940, kurzerhand die Skier zur Staffelei um.

Die späten Bilder des Malers sind denn auch emotionale, explosive, schnelle und stark expressiv geprägte Farbwände. Ganz im Gegensatz zum Frühwerk: Hier wechseln sich zartes Blumengrün mit weißen Tupfern, dunkle Baumriegel und heller Fels in einer ausgewogenen Gouache "Von der Berchtesgadener Schönau" (um 1910) ab.

Das Ornamentale, die Harmonie des Jugendstils hat Bauriedl bei Franz von Stuck gelernt und in der Zeitschrift "Jugend" sowie in der Münchner Sezession vertreten. Durch stille Herbst- und Frühlingstage der frühen Glanzzeit schimmert aber immer leise die Verlockung der Natur.

Bis 30. April, Praterinsel 5, Tel. 089/ 21 12 240.

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