Jugendstil-Ranken

- Opernintendant Sir Peter Jonas hatte nicht ganz Recht: Leider hielt der Eiserne Vorhang im Münchner Prinzregententheater nicht, was er versprach, so dass die Aufräumarbeiten nach einem Teil-Kollaps des Bühnengerüsts vor allem den ersten Teil des Liederabends von Dorothea Röschmann empfindlich durch leise hörbare Rufe und gelegentliche Erschütterungen störten.

Problematisch gleich im ersten Lied, "Ellens Gesang I" von Franz Schubert: Entwickelte doch die Sängerin mit untrüglichem Gespür die dramatische Steigerung genau auf die Generalpausen zwischen den einzelnen Strophenblöcken hin. Die Lust am und die Befähigung zum Dramatischen kennzeichnete den ganzen Abend - Röschmanns Sopran bietet, von der Oper kommend, dafür ideale Voraussetzungen: von dunklem, fast Mezzo-artigem Timbre, aus dieser gut fundierten Tiefe unermüdet Kraft schöpfend für exaktes Singen in der Höhe, das auch bei emotionalen Ausbrüchen Kontur und Klangschönheit behält.<BR><BR>Vor allem Schuberts Fragment "Gretchens Bitte" und das den ersten Teil beschließende "Gretchen am Spinnrad" erreichten so große Intensität. Dennoch blieb ein Fragezeichen, ob Röschmann den schlank schwebenden Melodielinien vor allem in lyrischen Passagen und bei manchen Auszierungen nicht fast zu viel Schwere mit auf den Weg gab - manchmal im hörbaren Kontrast zu Graham Johnsons transparentem, selbst in den Basstönen funkelndem Klavierspiel.<BR><BR>Denn wo die Sängerin in ihrem ureigenen Element war, das zeigte sich nach der Pause: In Alban Bergs "Sieben frühen Liedern" flossen der üppige, spätestromantische Klaviersatz und Röschmanns leuchtend sich verströmende Stimme zu Idealbedingungen zusammen. Kantilenen wie "Da sind im Hall und Widerhall die Rosen aufgesprungen" aus "Die Nachtigall" nach Theodor Storm blühten zu wundersam verschlungenen Jugendstil-Ranken auf.<BR>Und Gustav Mahlers Lied von Kuckuck, Esel und Nachtigall hatte, herrlich komödiantisch zelebriert, dem schweren Parfüm der Berg-Lieder angenehme ironische Frische vorangestellt.

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