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Beim Dreh zu „Maria Mafiosi“: Jule Ronstedt (2. v. re.) bespricht eine Szene mit ihren Darstellern.

Interview zum Kinostart von „Maria Mafiosi“

Jule Ronstedts Kampf gegen Klischees

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Als Schauspielerin gehört Jule Ronstedt seit Langem zu Bayerns Besten. Nun debütiert die 46-Jährige als Regisseurin ihres ersten Kinofilms „Maria Mafiosi“, zu dem sie auch das Drehbuch schrieb. Wir trafen Ronstedt zum Gespräch.

Lisa Maria Potthoff als schwangere Dorfpolizistin in „Maria Mafiosi“.

München - Jule Ronstedt wurde Mitte der Neunzigerjahre durch die Vorabendserie „Aus heiterem Himmel“ bekannt. Jahrelang arbeitete die Schauspielerin an den Münchner Kammerspielen und entwickelte sich zur gefragten Film- und Fernsehdarstellerin. Viele Zuschauer erinnern sich an ihre Rolle als Lehrerin in der Erfolgskomödie „Wer früher stirbt ist länger tot“. Am Theater hat Ronstedt bereits mehrfach inszeniert. Nun debütiert sie als Filmregisseurin. In der schwarzen Komödie „Maria Mafiosi“, die am Donnerstag in die Kinos kommt, wird eine bayerische Dorfpolizistin in die Machenschaften der Familie ihres italienischen Geliebten verwickelt. 

Warum haben Sie sich bei Ihrem Kinodebüt als Regisseurin für eine Komödie entschieden?

Jule Ronstedt: Ich unterhalte gerne Leute, und ich werde gerne unterhalten. Als ich geschrieben habe, war mein oberstes Gebot: Ich will niemanden langweilen. Ich habe ja viel Komödie gespielt. Ich mag ihre Musikalität, es geht um Rhythmus, Timing, Tempo. Wenn man über Genres redet, ist die Komödie mir sicher das nächste.

War es Ihnen ein großes Anliegen, eine starke, ungewöhnliche Frau wie Maria in den Mittelpunkt zu stellen?

Jule Ronstedt: Ursprünglich wollte ich für mich eine tolle Hauptfigur entwerfen. Zudem wollte ich eine Mafiakomödie schreiben. Während der Entwicklung des Drehbuchs merkte ich: Ich muss das nicht unbedingt spielen, sondern ich möchte bei diesem Film Regie machen. Dann war klar, wir müssen eine Maria suchen, und es war auch bald klar, dass es Lisa Maria Potthoff sein muss.

Sind Sie von den herkömmlichen Frauenbildern in Fernsehen und Kino genervt?

Jule Ronstedt: Es gibt ja diesen Bechdel-Test. Er wurde auch im Rahmen einer Hollywood-Gender-Studie angewendet. Diese belegt, dass in den meisten Filmen nur eine Hauptdarstellerin auftritt. Gibt es einmal zwei, reden sie nicht miteinander. Sprechen sie doch miteinander, geht es um Männer. Das bedeutet: Autonome Frauen, die in Filmen unabhängig von einem Mann handeln, gibt es sehr, sehr wenige. Als ich mich das erste Mal damit beschäftigte, konnte ich es nicht glauben.

Gilt der Befund auch für Deutschland?

Jule Ronstedt: Wenn man darauf achtet, merkt man auch im deutschen Fernsehen, was für ein wahnsinnig veraltetes Frauenbild wir zeigen. Diese Filme sind Spiegel unserer Gesellschaft. Wir müssen uns unserer Verantwortung bewusst sein, was wir unseren Töchtern da vorspielen und vorleben: Das Rollenbild der Sechzigerjahre, bei dem das Weibchen im Hintergrund steht und sich Sorgen um Mann und Kind macht. Das sind Figuren, die auch mir angeboten werden, und die ich, ehrlich gesagt, auch immer häufiger absage, weil ich keine Lust habe, dieses Rollenbild zu befördern.

Maria ist schwanger, trägt eine Waffe. Eine weibliche und martialische Frau. Haben Sie dieses Bild bewusst als Gegenpol zu den alten Rollen gesetzt?

Jule Ronstedt: So bin ich da nicht herangegangen. Einer Darstellerin wie Lisa Maria Potthoff glaube ich von der ersten Sekunde an, dass sie Polizistin ist. Gleichzeitig ist da dieser Bauch, der ihre Weiblichkeit und Verletzbarkeit ausstellt, sie aber auch erdet. Diese Mischung finde ich spannend, zumal ihre Figur immer weiter in den Schlamassel hineinrutscht. In dem Moment, in dem sie sagt „Ich geh’ jetzt in den Mutterschutz“ wird’s ja erst richtig schlimm. In so einer Figur steckt also viel komisches Potenzial. Ich wusste, wenn ich diese bayerische, schwangere Dorfpolizistin losschicke und ihr die Mafia auf den Hals hetze, könnte es lustig werden.

Wie kam es zum Mafiathema?

Jule Ronstedt: Ich wollte eine schwarze Komödie machen und hatte die ganzen Roberto-Saviano- und Petra-Reski-Bücher über die Mafia gelesen und mit Erschrecken festgestellt, wie viel italienisches Mafiageld in Deutschland in der Gastronomie gewaschen wird. Bei mir um die Ecke ist außerdem ein Italiener, über den ich mich immer wunderte: Da saß nie jemand drin, aber es fuhren oft junge, gutaussehende Italiener mit Mercedes-Limousinen vor. Eines Nachts ging ich nach Hause. Und wieder fuhr ein schwarzer Luxuswagen vor. Der Kofferraum ging auf. Drei Jungs schauten hinein. Er war randvoll mit Adidas-Turnschuhen. Ich dachte mir: Was ist denn das jetzt? Hehlerware? Meine Fantasie ging los. Und ich kam auf die Idee, den Film in einer Pizzeria in der bayerischen Provinz anzusiedeln. Wir gehen hier alle gerne zum Italiener. Darum lasse ich im Film auch den Stammtisch der Polizisten dort stattfinden. Man ist so nah dran, dass man’s nicht sieht oder vielleicht auch nicht sehen will.

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