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„Die Kehrseite von Freiheit und Individualismus ist, dass wir ganz allein für unser Leben verantwortlich sind“, sagt Schriftstellerin Juli Zeh. In ihrem neuen Roman „Neujahr“ thematisiert die 44-Jährige die Angst zu scheitern.

Juli Zeh vor ihrer Lesung in München:

„Und schon brüll ich rum“

  • Astrid Kistner
    VonAstrid Kistner
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Als der liebe Gott Talent verteilte, war er bei Juli Zeh besonders großzügig. Die 44-Jährige ist nicht nur promovierte Juristin, sie schreibt vor allem kluge Bücher, die sich wunderbar lesen lassen und ein Anliegen haben. Zeh zeigt Haltung, mischt sich ein und greift gesellschaftsrelevante Themen auf. In ihrem neuen Roman „Neujahr“ geht es um einen Familienurlaub auf Lanzarote, der zum Albtraum wird.

Lesen Sie gern aus Ihren eigenen Büchern?

Ganz ehrlich? Nein. Viel lieber würde ich aus den Texten von jemand anderem vorlesen. Wenn ich Selbstgeschriebenes vortrage, fühle ich mich immer noch wie eine Schülerin im Deutschunterricht, die vor versammelter Mannschaft ein Referat halten muss. Man ist tierisch nervös, und das Ganze ist irgendwie immer ein bisschen peinlich.

In „Neujahr“ erzählen Sie eine sehr verstörende Familiengeschichte über Ängste und Verantwortung. Wie nah ist der Roman an Ihrer eigenen Lebenswirklichkeit?

Sehr nah. Zwar ist „Neujahr“ nicht autobiografisch in dem Sinne, dass die Ereignisse, die erzählt werden, mir selbst oder meinen Kindern zugestoßen wären – Gott bewahre! Aber die Ängste, von denen erzählt wird, kenne ich am eigenen Leib. Sonst hätte ich den Roman gar nicht schreiben können.

Henning, Ihre Hauptfigur, quält sich mit Panikattacken. Ist es nicht schwer, aus der Perspektive eines Mannes zu schreiben?

Seltsamerweise schreibe ich unheimlich gern aus männlicher Perspektive. Irgendwie fühle ich mich wohl in einer männlichen Psyche. Ich glaube, dass Männer und Frauen unter sehr ähnlichen Ängsten und Problemen leiden, aber sehr unterschiedlich damit umgehen. Auch heute ist es noch so, dass viele Männer nicht gern über ihre sogenannten Schwächen reden.

Ihr Buch wirft die Frage auf, ob unser Leben durch unsere Kindheit vorherbestimmt wird oder wir selbst für Glück und Unglück verantwortlich sind. Was glauben Sie?

Ich glaube, dass wir stark durch unsere Kindheit geprägt werden und deshalb auch dazu neigen, den Grund für unser heutiges So-Sein, egal ob Glück oder Unglück, in der Vergangenheit zu suchen. In der Kindheit und bei den Eltern. Man erzählt sich selbst eine Geschichte: Ich hatte eine schwere Kindheit, deshalb habe ich es heute auch so schwer. Oder: Ich bin in einem liebevollen Elternhaus aufgewachsen, deshalb habe ich so ein Urvertrauen zu den Menschen. Das sind aber tatsächlich nur Geschichten, die man sich selber baut. Es gibt diesen Wenn-Dann-Zusammenhang nicht. Wir haben die volle Entscheidungsfreiheit, wie wir uns selbst betrachten und erleben wollen. Das löst nicht alle Probleme, aber es ändert massiv die Perspektive auf das eigene Leben.

Sie sind selbst Mutter zweier Kinder. Wie sehr beunruhigt Sie der Gedanke, dass man durch das eigene Verhalten Einfluss auf die seelische Gesundheit der Kinder nimmt?

Das ist ein furchtbar verstörender Gedanke. Denn es kann ja immer alles falsch sein! Ich kann meine Kinder zu wenig beachten, ich kann sie aber auch durch zu viel Aufmerksamkeit „verderben“. Ich kann zu streng sein oder zu lasch, zu abwesend oder zu sehr „Hubschrauber“ – es gibt für alles eine Theorie und für alles ein mögliches Fehlermodell.

Was für ein Stress…

Ja, bis man irgendwann versteht, dass es totaler Narzissmus ist zu glauben, wir wären als Eltern der Dreh- und Angelpunkt im Leben unserer Kinder. Das werden wir höchstens, wenn wir unseren Narzissmus nicht in den Griff kriegen und uns ständig als Supereltern aufspielen!

In „Neujahr“ geht es aber auch um Rollenbilder, ums Funktionieren und Sich-Optimieren – sind Sie selbst gefährdet, in diese Falle zu tappen?

Jeder von uns – oder zumindest die meisten – leben mit diesem Problem. Davon bin ich überzeugt. Ich glaube, dass der Zwang zu Perfektionismus und Optimierung hinter Burn-out, Depressionen, Angststörungen und vielen anderen modernen Volkskrankheiten steckt. Das Problem ist nicht, dass wir so viel arbeiten oder dass wir die ganze Zeit von digitalen Medien abgelenkt werden. Das Problem ist diese wahnsinnige Angst zu scheitern. Das ist die Kehrseite der Freiheit und des Individualismus – wir sind ganz allein für unser Leben verantwortlich, kein Gott oder übermächtiger Vater zwingt uns zu einem bestimmten Verhalten. Wenn man alle Entscheidungen selbst trifft, ist man halt auch immer schuld, wenn etwas schiefgeht. Das auszuhalten, haben wir noch nicht gelernt. Weder als Einzelne noch im Kollektiv.

Der Roman spielt auf Lanzarote. Sie haben ihn auch dort geschrieben. Was fasziniert Sie an der Insel?

Mein Mann und ich sind eher zufällig auf die Insel gestolpert, als Hobbytaucher hatten wir einen Ort gesucht, an dem man auch im Winter unter Wasser kann. Dann sind wir immer wieder gekommen und haben angefangen, uns dort heimisch zu fühlen. Es ist eine sehr spezielle Landschaft, sehr karg. Man fühlt sich stark auf sich selbst zurückgeworfen. Ich kann dort sehr gut schreiben.

Sie selbst gehören in die Kategorie Superwoman: Bei Ihnen stapeln sich die Literaturpreise, Sie wurden mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und jetzt als Verfassungsrichterin für Brandenburg vorgeschlagen – wie um Himmels willen schaffen Sie das?

Das Verrückte ist: In meiner Nachbarschaft leben ausschließlich Frauen, die viel mehr arbeiten als ich. Sie haben zwei oder drei Kinder, sind voll berufstätig, nicht zur Selbstverwirklichung, sondern weil ein einzelnes Einkommen hier in den ländlichen Gegenden nicht ausreicht, um das Leben einer Familie zu finanzieren. Diese Frauen pendeln oft zur Arbeit, die Kinder sind bis zu zehn Stunden in der Kita, und abends muss dann noch „schnell“ der ganze Haushalt erledigt werden. Ich hingegen kann ein paar Stunden am Tag schreiben und nachmittags Zeit mit meinen Kindern verbringen. Mein Mann macht mindestens die Hälfte von Hausarbeit und Kinderbetreuung. Trotzdem heißt es immer, ich sei die Superwoman. Keine meiner Nachbarinnen bekommt das Bundesverdienstkreuz. Ist doch komisch, oder?

Stimmt, trotzdem wüsste ich gern, wann Sie zuletzt gescheitert sind.

Heute Morgen. Es sind ja gerade Herbstferien. Ich bin aufgestanden mit dem festen Vorsatz, mich nicht von meinen Kindern nerven zu lassen, sondern einen freundlichen, liebevollen Familienvormittag zu verbringen. Dann knallte mein Sohn eine Schublade zu, in der sich gerade meine Finger befanden, und schon hab ich rumgebrüllt, während meine innere Stimme dauernd rief: Jetzt reg dich doch nicht so auf, was bist du nur für eine schlechte Mutter! – Glauben Sie mir, wenn man Kinder hat, ist Scheitern das Dauerprogramm.

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