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Juli Zehs „Über Menschen“ im Münchner Volkstheater: umjubelte Uraufführung!

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Von: Katja Kraft

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Dora (Maral Keshavarz) und Franzi (Anne Stein), der Tochter eines Neonazis
Auf dem Land gestrandet ist Dora (Maral Keshavarz). Und wird dort auch mit der kleinen Franzi (Anne Stein), der Tochter eines Neonazis © Gabriela Neeb

Juli Zehs „Über Menschen“ von 2021 ist ein Bestseller. Den Roman, der während der Corona-Pandemie entstand, hat Hausherr Christian Stückl nun für das Münchner Volkstheater bearbeitet und inszeniert. Sehr sehenswert!

Unter den Wolken muss die Redefreiheit wohl grenzenlos sein. Im Münchner Volkstheater hängen sie einengend tief am Horizont. Klar, wir sind in Brandenburg. Da ist ja auch das mit dem geistigen Horizont so eine Sache. Landeier und Ossis. Was zur Hölle will eine gut ausgebildete Werbeagentin hier? In Bracken. Ein Ortsname wie eine Arbeitsanweisung auf dem Bau. „Lass’ uns den Boden mal bracken!“

Juli Zehs „Über Menschen“ spielt in Brandenburg

Der Boden, auf dem Dora (Maral Keshavarz) sich in Juli Zehs Roman „Über Menschen“ einrichten möchte, ist ein verwilderter Garten mit verlassenem Haus darin. Mitten im Corona-Lockdown ist Dora aus Berlin nach Bracken gezogen. Den Plan zur Stadtflucht hatte sie aber – das betont sie vor sich und allen anderen immer wieder – lange vor dem Ausbruch der Pandemie gefasst. Nur hatte sie sich das Leben auf dem Land damals etwas anders vorgestellt. Die Menschen, mit denen sie es dabei zu tun bekommen würde, übrigens auch. Wobei: wie eigentlich? Braune Brandenburger allüberall – solche Vorurteile verbittet sich eine politisch korrekte Frau des 21. Jahrhunderts selbstverständlich. Entsprechend vor den Kopf gestoßen fühlt sich Dora, als sie den Nachbarn zu ihrer Rechten (!) kennenlernt. Der stellt sich mit Ansage vor: „Ich bin hier der Dorf-Nazi.“ Willkommen in Bracken.

Dora (Maral Keshavarz)  und ihr neofaschister Nachbar Gote (Jakob Immervoll)
Der Nazi von nebenan: Das Landleben zwingt Dora (Maral Keshavarz) dazu, sich mit dem Neofaschisten Gote (Jakob Immervoll) auseinanderzusetzen. © Gabriela Neeb

Christian Stückl hat das 2021 erschienene Buch für das Münchner Volkstheater bearbeitet und inszeniert. Die gefeierte Uraufführung ging nun über die in Sepia getauchte Bühne. Nur ab und zu leuchtet helles Licht auf, und es scheint Hoffnung durch. Mitmenschlichkeit. Unter den vielen Karikaturen ihrer selbst.

Klug hat Christian Stückl aus der Ich-Erzählung ein Mehr-Personenstück geformt. Im Zentrum auch hier Dora und Gote, der Dorf-Nazi. Jakob Immervoll ist, in Springerstiefeln und verschwitzter Klamotte, eine Wucht. Es gelingt ihm im Laufe des Stückes, das auszulösen, wofür Juli Zeh gefeiert, aber auch kritisiert wurde. Dieser Neofaschist, er rührt. Ja, als Zuschauer kann man wenn nicht nachvollziehen, dann doch verstehen, warum er rasend wird, wenn es um Ausländer und „die da oben“ geht. Man empfindet, was auch Dora irgendwann empfindet: Mitgefühl für diesen Widerling.

Einmal rückt Gote mit Spaten bei Dora an. Und hebt in ihrem Haus, das früher die Dorfschule war, zwei Zinnsoldaten aus dem Untergrund. Liebevoll schaut er sie an. In dieser kleinen Szene wird das ganze Dilemma dieser Figur offenbar. Gote hat die Zinnmännchen als Kind dort versteckt. Weil sie „zu wertvoll zum Spielen waren“. Und: „Die sollte mir keiner klauen.“ Schon als Bub stand er seinem Glück im Weg –und war verfolgt von der Angst, dass andere ihm etwas wegnehmen könnten.

Die kleine Franzi (Anne Stein, re.), die Zuwendung bei Dora (Maral Keshavarz) sucht.
Sehnt sich nach Zuwendung: die kleine Franzi (Anne Stein, re.), die ebendiese bei Dora (Maral Keshavarz) sucht. © Gabriela Neeb

Doch das erfährt nur, wer sich auf den Typen einlässt. Wer Gote aushält. Ihn und die anderen Brackener, die aus dem Bühnengraben von allen Seiten in Doras Garten hinaufkriechen. Ungeziefer gleich. Tom (Steffen Link) und Steffen (Julian Gutmann) etwa. Auch sie wirken anfangs wie das lebendig gewordene Klischee eines Brandenburgers: AfD-wählende, ungebildete Querdenker. Doch wie sich das ändert, einfach dadurch, dass man ihnen zuhört. Und merkt: Hey, so schwarz-weiß, wie Dora (und mit ihr wir, das Publikum) die Welt gern sieht, ist sie nicht. Besonders stark Gutmanns Solo über diejenigen, die sich, mit Bierbauch im Campingstuhl, noch immer für Übermenschen halten. „Übermenschen im Unterhemd. Wenn das kein Treppenwitz ist.“

„Über Menschen“ lehrt uns, über andere nicht einfach hinwegzugehen

Doch von Ferne lässt es sich leicht über diese „Abgehängten“ erheben. Das Landleben hingegen fordert, anders als die Stadt mit ihrer Anonymität, dazu auf, sich zu verhalten. Zu Franzi (rührend als sich nach Zuwendung sehnendes Mädel: Anne Stein), Gotes Tochter, die darauf pocht, dass ihr Papa der beste Papa der Welt sei. Oder zu Sadie (Pola Jane O’Mara), der alleinerziehenden Mutter, die sich in Nachtschichten abrackert und doch auf keinen grünen Zweig kommt. Und immer wieder zu Doras Ex Robert (Max Poerting), dem Kämpfer für die Welt.

Auf Tinder wären sich Dora und Gote nie begegnet. Sie tun es doch, weil das Leben es ihnen so verschrieben hat. Und weil sie es ausgehalten haben. Weil sie sich, trotz aller Vorurteile, dem anderen gegenüber geöffnet haben. Jeder hat seine Geschichte. Ist sie umschreibbar? „Glaubst du, dass man sich ändern kann?“, fragt Dora Gote einmal. Und er antwortet: „Man kann sterben.“
Heftiger Applaus.

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