Zu Besuch in Berg am Starnberger See

Julia Varady: Nur kein Stillstand

  • schließen

Berg - Sopranistin Julia Varady liebäugelt mit ihrem Comeback. Wir haben sie in Berg am Starnberger See getroffen.

Viele Kisten waren es. Alles hat sie durchsucht und gesichtet. Ein paar Briefe hat Julia Varady für sich behalten, die sind einfach zu privat, doch das meiste ging an die Berliner Staatsbibliothek. Die ist nun neue Eigentümerin des Nachlasses, genauso wie es Jahrhundertbariton Dietrich Fischer-Dieskau einst gewollt hat. „Dieter“ nennt ihn seine Witwe immer. Und wer Julia Varady in diesen Tagen in Berg besucht, für den wird schnell klar: Ihr Dieter, mit dem sie ein Vierteljahrhundert bis zu seinem Tod 2012 verheiratet war, der ist noch immer erdrückend präsent.

Nicht nur in den Erinnerungen, im inneren Ohr eigentlich eines jeden, der ihn einmal gehört hat. Auch im Haus ein Stück weit weg vom Starnberger See. Die Plattensammlung, die Fotos, die von ihm gemalten Bilder, die riesige Bibliothek. Oder die Dinge draußen. „Jeder Rhododendron wurde von uns selbst vor 40 Jahren gepflanzt“, sagt Julia Varady mit Blick in den großen Garten. „Berg ist meine Heimat geworden. Hier bin ich zu Hause, weil ich hier frei und glücklich geworden bin. Hier sind meine Wurzeln, das ist unser gemeinsames Haus.“

Und es scheint, dass sie, die Nachlassverwalterin und Jahrhundertsopranistin, gerade vor einer weiteren Lebensschwelle steht. Die ist nicht groß, wie sie betont. Und dennoch: Einer der wenigen Opernstars, der rechtzeitig den Rückzug von der Bühne geschafft hat, denkt tatsächlich an ein Comeback. Welche Rolle es sein wird und wo es geplant ist, das will Julia Varady nicht in der Zeitung gedruckt sehen. „Nur vier Minuten“ dauere die Partie, in der Saison 2016/17 könnte es passieren, ein kleiner Fachwechsel sei erforderlich, außerdem sei überhaupt nichts sicher. „Vielleicht passiert es ja auch nicht“, sagt sie lachend. „Es würde mich jedenfalls freuen, wenn es kritischen Menschen, denen ich das im Herbst vorsingen werde, gefällt.“

Die Varady zurück auf der Bühne, das wäre eine Sensation. Nach 33 Jahren einzigartiger Karriere hatte sie 1997 beschlossen, die Oper sein zu lassen, Ende 2003 verließ sie das Konzertfach. Abschiede, das gibt sie offen zu, die wie ein Sterben waren und unter vielen Tränen erkauft waren. Tränen, die noch heute kommen, wenn sie daran zurückdenkt. Die Lücke, die la Varady hinterließ, konnte nie geschlossen werden. Keine Kollegin reicht annähernd an ihre Vitellia aus Mozarts „La clemenza di Tito“, an Verdis beide Leonoras („La forza del destino“, „Il trovatore“), an seine Aida oder „Nabucco“-Abigaille heran. Bei keiner anderen Sopranistin fand und findet sich diese Verbindung aus Intensität, technischer Intelligenz, textlicher Reflexion, Wissen um Dramatik und Demut vor dem Werk. Anders als viele, die ihre Karriere in oft quälender Selbstverleugnung als Resteverwalter ihrer Stimme ausklingen lassen, sorgte die Varady dafür, dass sie als intaktes Gesamtkunstwerk im Gedächtnis blieb.

Dabei ist sie, die gebürtige Ungarin, noch immer aktiv. Als Meisterklassen-Lehrerin, besonders aber als Professorin in Karlsruhe und Berlin. Nicht nur übers Wort vermittelt sich Julia Varady ihren Schülerinnen und Schülern, sondern gern und viel über den Gesang. Und Zeugen dieser Stunden sagen übereinstimmend: Sie kann es noch. Nicht mehr so wie früher, aber das weiß sie selbst. „Im Traum sage ich manchmal zu mir: Amelia, Aida, alles könntest du noch singen. Das Problem ist: Ich würde es kräftemäßig nicht durchhalten können, eine ganz normale Alterserscheinung.“

Überhaupt diese Träume. Die große Karriere verfolgt Julia Varady weiterhin bis in den Schlaf. Oft sieht sie sich, wie sie zum Beispiel die Bühne der Deutschen Oper Berlin betritt, eines Hauses, das wie das Münchner Nationaltheater Heimat war. Gewandet in eines ihrer Kostüme, als Teil einer jener großen, legendären Produktionen. Und dann will sie den Mund aufmachen – doch es passiert nichts. „Der Traum endet immer vor dem ersten Ton. Ich wache rechtzeitig auf. Vielleicht ist meine Selbstkontrolle sogar im Schlaf noch stark.“ Verarbeitet sind diese folgenschweren Jahre um den Jahrtausendwechsel also nicht. Eine Vorstellung im Münchner Nationaltheater anschauen? So, wie es ihr kürzlich wieder geraten wurde, als Anna Netrebko in Tschaikowskys „Eugen Onegin“ zu erleben war? Das geht nicht und wird vielleicht nie funktionieren. Alles, so sagt die Varady mit einem Schulterzucken, würde auf sie einstürzen.

Es ist ja auch genug Arbeit da. Neben der Existenz als doppelte Professorin führt Julia Varady eine als doppelte Hausbesitzerin. Nicht nur um das Anwesen in Berg kümmert sie sich, auch um das im Westen Berlins. Zwischen beiden waren sie und Dietrich Fischer-Dieskau ständig gependelt, nun führt seine Witwe dieses ein wenig rastlose Leben fort. Auch, weil die Varady Stillstand nicht recht ertragen mag – vielleicht rührt daher der Gedanke an eine Rückkehr zur Bühne. Die aufwändige und emotional belastende Nachlassarbeit hat sie hinter sich gebracht. Einige private Briefe von Dieter sind ihr untergekommen, die er an sie adressiert, aber nie abgeschickt hat. Eine Überraschung. „Er war ja nicht so spendabel mit überschwänglichem Lob.“

Was drinsteht, bleibt privat. Und doch hat diese späte Trauerarbeit auch etwas verändert. „Es ist kein anderer Fischer-Dieskau, der mir hier begegnet. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll: Diese Persönlichkeit hat sich für mich erweitert, sie hat irgendwie einen noch größeren Raum eingenommen.“ Und wie wohl ihr Dieter auf das geplante Comeback reagieren würde? „So“, sagt die Varady, steckt sich den Zeigefinger in den Mund, führt ihn an die Stirn und ahmt ein Zischgeräusch nach.

Markus Thiel

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Rea Garvey auf dem Tollwood: Glücklichsein ist so einfach
Von Jung bis Alt können sich die meisten Musik-Fans auf Rea Garvey einigen. Woran das liegt, zeigt er bei seinem Auftritt auf dem Tollwood. Die Nachtkritik.
Rea Garvey auf dem Tollwood: Glücklichsein ist so einfach
Jonas Kaufmanns Otello: Nur ein Seitensprung
Diesem Debüt hat die Opernwelt entgegengefiebert: Jonas Kaufmann singt in London erstmals die Titelrolle von Verdis „Otello“. So ganz passt die Partie nicht zu ihm.
Jonas Kaufmanns Otello: Nur ein Seitensprung
Verschwitzte Sommernacht mit „The Whiskey Foundation“ im Strom
Draußen rattern Züge über die marode Brücke, drinnen spielen sich die fünf junge Münchner „The Whiskey Foundation“-Musiker den Blues, Rock und Soul der 60er Jahre aus …
Verschwitzte Sommernacht mit „The Whiskey Foundation“ im Strom
Glut in der Zwiebel
Zum Auftakt des Münchner Filmfests wird der erste Dokumentarfilm über Bud Spencer uraufgeführt.
Glut in der Zwiebel

Kommentare