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Im Zuge ihrer Recherchen bei Prostituierten beginnt die Pariser Journalistin Anne (Juliette Binoche), auch ihr eigenes (Liebes-)Leben infrage zu stellen. Das Drama „Das bessere Leben“ startet am Donnerstag in unseren Kinos.

Juliette Binoche über ihren neuen Film „Das bessere Leben“

München - Juliette Binoche spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über ihren neuen Film „Das bessere Leben“, Prostitution und gewagte Szenen vor der Kamera.

Darum geht es in „Das bessere Leben“

Die erfolgreiche Pariser Journalistin Anne (Juliette Binoche) recherchiert für eine Reportage über junge Frauen, die ihr Studium durch Prostitution finanzieren.

Die Interviews mit zwei Studentinnen, die ohne Scham und Scheu von ihren intimsten Erfahrungen berichten, wecken das verdrängte sexuelle Begehren der Reporterin – und veranlassen sie dazu, ihr eigenes Leben zu hinterfragen: Auch Anne ist in ihrem Beruf gezwungen, sich in gewisser Weise zu verkaufen. In ihrer Ehe muss sie Dinge tun, die sie nicht mag, die aber nötig scheinen, um den materiellen Wohlstand aufrechtzuerhalten.

Immer tiefer dringt sie im Lauf des Films „Das bessere Leben“ in das Wechselspiel von Geld und Sex, Freiheit und Zwang ein – und entdeckt dabei immer mehr eigene Fantasien und Sehnsüchte.

Die ausführliche Filmkritik lesen Sie am Donnerstag.

Mit Filmen wie „Drei Farben: Blau“, „Chocolat“ und „Der englische Patient“ wurde Juliette Binoche zu einer Ikone des europäischen Kinos. In dem provokanten Film „Das bessere Leben“, der am Donnerstag anläuft, agiert die 48-jährige Oscar-Preisträgerin nackt und ungeschminkt. Zum Interview in einem Berliner Café erscheint sie jedoch très chic; sie wirkt mindestens zehn Jahre jünger und bricht immer wieder in schallendes Gelächter aus.

In „Das bessere Leben“ spielen Sie eine Journalistin, die zwei Prostituierten sehr intime Fragen stellt. Können Sie privat auch gut über Sex reden?

Beim gemütlichen Abendessen mit Freunden spreche ich durchaus gerne über das Thema. Ob ich das im Interview auch kann? Lassen wir uns überraschen! (Lacht.)

Haben Sie zur Vorbereitung auf den Film selbst mit Huren gesprochen?

Das war nicht nötig. Als ich studierte, hat sich eine Freundin von mir prostituiert. Und vor den Dreharbeiten habe ich eine exzellente Dokumentation namens „Escort“ gesehen. Dabei hat mich verblüfft, dass viele Frauen ihre Körper nicht etwa verkaufen, weil sie ums finanzielle Überleben kämpfen, sondern vielmehr, um sich Luxusartikel leisten zu können. Für sie ist dieser Job zu einer Art Droge geworden.

Sehen Sie Prostitution nun mit anderen Augen?

Ich würde mir nie anmaßen, über dieses Gewerbe zu urteilen. Ich weiß nur, dass ich es nie ausüben würde, denn ich denke, es ist höchst ungesund – für den Körper wie für den Geist. Und ich fürchte, wenn Frauen behaupten, sie seien glücklich dabei, dann machen sie sich etwas vor.

Müssen Sie sich nicht in Castings auch feilbieten?

Sicher, insofern hat auch das Filmgeschäft etwas von Prostitution: Auch hier gibt es Abhängigkeit und Ausbeutung. Vor allem als blutjunge Schauspielerin muss man sich höllisch in Acht nehmen vor Regisseuren und Produzenten, die einen bedrängen und ihre Machtposition ausnutzen wollen.

Die Besetzungscouch ist also kein Klischee?

Doch. Aber jedes Klischee hat einen wahren Kern. Ist Ihnen noch nie aufgefallen, dass viele Produzenten tatsächlich dicke Zigarren rauchen? (Lacht.) Andererseits bist du nicht automatisch machtlos, wenn eine Kamera auf dich gerichtet ist: Du musst nur wissen, wozu du bereit bist und wozu nicht. Es ist an dir selbst, die Grenze zu ziehen.

Und wo liegt Ihre eigene Grenze?

Die habe ich schon sehr früh festgelegt: Wann immer man etwas von mir wollte, das mir gegen den Strich ging, habe ich nein gesagt. Dabei habe ich mich stets auf meine Intuition verlassen.

Allerdings haben Sie oft sehr gewagte Szenen gespielt – auch in Ihrem neuen Film, in dem Sie vor laufender Kamera masturbieren. Was treibt Sie dazu, sich wiederholt auf so gefährliches Terrain zu wagen?

Ich liebe die Gefahr! (Lacht.) Ich finde, jede neue Rolle sollte sich so anfühlen wie ein Sprung ins Ungewisse. Denn wenn man nichts riskiert, kann auch nichts Aufregendes entstehen. Als Schauspieler muss man seine Seele vollständig öffnen – das ist vor der Kamera genauso schwer wie in der Liebe. Ohne die Bereitschaft zur bedingungslosen Hingabe gibt es keine magischen Momente im Kino.

Heißt das, Sie haben am Set tatsächlich masturbiert?

Nein. Ich habe mir Internet-Aufnahmen von Frauen angesehen, die sich selbst befriedigen, und festgestellt, dass deren Gesichtsausdruck zwischen dem Glücksgefühl eines Neugeborenen und den Höllenqualen eines Sterbenden schwankte. Diese faszinierende Mischung aus Geburt und Tod wollte ich aus meinem eigenen Inneren heraus nachbilden. Denn darum geht es bei der Schauspielerei: um die Neuerschaffung des Lebens. Wenn es gelingt, hat das durchaus etwas von einem Orgasmus! (Lacht.)

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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