Jung gebliebene Revolutionärin

- Sie ist die große alte Dame des freien Theaters. Und sie ist die jüngste von allen geblieben: Judith Malina (77), die Gründerin des weltberühmten Living Theatres in New York, macht heute noch Straßentheater. Und das mit der gleichen mitreißenden Energie und politischen Überzeugungskraft, die sie in den 60er-Jahren in der ganzen Welt zum Vorbild werden ließ. Gestern wurde auf dem Münchner Dokumentarfilmfestival "Resist", eine wundervolle Hommage an diese wandelnde Theaterlegende, uraufgeführt (noch heute, 20 Uhr, im Filmmuseum). Gedreht hat sie Dirk Szuszies. Und ihm ist es auch gelungen, Judith Malina aus diesem Anlass zur Reise von New York nach München zu bewegen.

<P>Zuletzt waren Sie und das Living Theatre 1980 in München. Beim damaligen Theaterfestival haben Sie Ernst Tollers "Masse Mensch" gespielt. Welchen Eindruck haben Sie von München heute?<BR>Malina: Es ist viel schöner, als ich es in Erinnerung hatte.<BR><BR>Sie und Ihr Mann Julian Beck - er starb 1985 -, mit dem Sie zusammen 1951 das Living Theatre gegründet haben, waren die Vorreiter einer neuen, sehr freien Art des Theaters. Sie haben auch die deutsche Szene revolutioniert. Heute hat man den Eindruck, dass das Theater ins eher Unpolitische, Unterhaltsame abgedriftet ist. . .<BR><BR>Malina: Ich sehe das anders. Denn wo wir auch hinkommen, treffen wir junge Leute, die sich mit Straßentheater politisch engagieren. Zuletzt während der jüngsten Antikriegsdemonstrationen.<BR><BR>Der Dokumentarfilm zeigt u. a. einen alten Mitschnitt, in dem Sie Dollar-Noten zerreißen. Welche Rolle spielte das Geld?<BR><BR>Malina: Wir hatten und haben keines. Aber Ärger gab es damit stets. Das einzig Wertvolle, was wir besessen haben, war das Erbe von Julian Beck, ein Appartement in New York. Das habe ich jetzt hergegeben, sozusagen Haus und Hof verkauft, um ein eigenes Theater zu bauen. Das Fundament ist schon gelegt, im Frühjahr 2004 wollen wir eröffnen.<BR><BR></P><P align=center></P><P>Ihr Anspruch ans Theater ist ein durch und durch politischer. Haben Sie das bei Erwin Piscator, dem großen Berliner Theatermann, gelernt, der während seines Exils eine Schule in New York unterhielt?<BR><BR>Malina: Einerseits hatte ich diesen Anspruch schon durch meinen Vater, der immer für die Juden in Deutschland gearbeitet hat. Andererseits: Piscator hat ständig insistiert, dass wir auf der Bühne etwas zu sagen haben, eine politische Meinung artikulieren. Ich habe damals gesagt: "Ich bin Pazifist." Darauf Piscator: "Wie schön, das bin ich auch. Aber wie lässt sich mit dieser Haltung eine Welt organisieren?" Daraufhin habe ich angefangen zu studieren. . . Und ich wurde Anarchist, weil ich Pazifist bin.<BR><BR>Sind Sie eher Schauspielerin oder mehr Regisseurin?<BR><BR>Malina: Das ist schwer voneinander zu trennen. Heute vielleicht mehr Regisseurin, denn in unserem Theater muss man so viel herumtoben. An Piscators Schule hatte ich mich damals als Schauspielstudentin eingeschrieben. Dann habe ich drei Tage gesehen, was er macht, und gefunden, das muss ich auch machen. Also bin ich zu ihm gegangen und habe darum gebeten, zur Regie zu wechseln. Aber wie hat er reagiert? Ganz sexistisch. Das ginge nicht für Frauen, hat er geantwortet, die könnten nur Schauspielerinnen sein. Daraufhin machte ich das Billigste, was ich nur machen konnte: Ich habe geweint. Und der große Piscator ist darauf reingefallen. "Also gut", sagte er. Ich schäme mich noch heute für die Geschichte: dass ich geweint habe, anstatt zu kämpfen.<BR>  <BR>Haben Sie nie Lust gehabt, auch einmal die ganzen tollen Weiber der klassischen Literatur zu spielen?<BR><BR>Malina: Es gab immer wieder solche Angebote. Aber das ist nicht so mein Ding. Ich bin sehr ambitioniert, etwas Wertvolles zu tun, etwas zu hinterlassen. Und das geht nur mit einer Gruppe. Ich bin nicht so eitel, die Volumnia oder die Courage spielen zu müssen. Wissen Sie, das zählt wenig. Was zählt, ist, dass wir etwas machen können, womit wir den direkten Zugang zum Zuschauer bekommen.<BR><BR>Glauben Sie noch, dass Theaterspielen die Welt verändern kann?<BR><BR>Malina: Nur unsere Erziehung sagt: Wir können es nicht. Aber wir können doch. Theaterspielen - was für ein enormes Kraftfeld. Wir waren 2001 beim G8-Gipfel in Genua, haben auf der Demonstration gespielt. Vor uns war eine Gruppe, hinter uns ebenfalls. Jede ganz unterschiedlich. Doch wir wussten, dass wir alle Teil von ein- und derselben Bewegung waren.Früher war es uns wichtig, die Zuschauer aufzuschrecken: Du, der Vietnamkrieg ist auch deine Schuld. Heute wollen wir Anstöße geben, wollen beruhigen, wollen sagen: Wagt nur etwas, habt keine Angst. Dafür ist die Kunst da: Mut zu machen, die deprimierende Situation aufzuheben. Es ist natürlich ein Vergnügen, revolutionäres Theater zu machen in revolutionären Zeiten. Aber wichtiger ist es, revolutionäres Theater zu machen in prä-revolutiononärer Zeit. Die Samen der Zukunft zu säen. Gegenwärtig ist ein sehr guter Moment dafür.<BR><BR>Sie sprechen fabelhaft Deutsch. Dabei waren Sie erst zwei Jahre alt, als 1928 Ihre Eltern in die USA emigrierten.<BR><BR>Malina: Ich habe bis zu meinem 13. Lebensjahr zu Hause Deutsch gesprochen. Dann starb mein Vater. Es war Krieg. Und meine Mutter sagte: Jetzt reden wir auch zu Hause nur Englisch. Von diesem Tag an kam kein deutsches Wort mehr über meine Lippen. Bis wir 1961 mit dem Living Theatre unsere erste Tournee nach Deutschland unternahmen. Da ist die Sprache ganz schnell wiedergekommen. Aber kurios, ich fühle mich, sobald ich Deutsch spreche, immer noch wie eine 13-Jährige.</P><P>Das Gespräch führte Sabine Dultz<BR></P><P align=center> </P>

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