"Jung sein genügt nicht"

- Debütanten, ob sie nun noch zu den jungen Autoren zählen oder nicht, sind die risikoreiche Chance eines jeden Verlags. Im besten Fall sind sie sein Zukunftskapital. Jeder Büchermacher träumt vom selbst entdeckten, erfolgreich aufgebauten, preisgekrönten Literaturstar. Bestes Beispiel ist die bei Klett-Cotta über zwei Jahrzehnte sorgfältig gepflegte Brigitte Kronauer, deren "Teufelsbrück" vor fünf Jahren ein großer Erfolg wurde und die sich dieses Jahr über den renommierten Büchner-Preis freuen darf.

Auch weniger preisträchtige Autoren lohnen sich, wenn sie markante Eigenheiten haben, die sich zur Vermarktung eignen. Man denke nur an den Disco-Russen Wladimir Kaminer mit seiner "Russendisko" und seinem lustig rollend-abgehackten Akzent. Noch immer bilden seine Lesungen und Podiumsgespräche große Menschentrauben bis weit hinter die letzten Stuhlreihen, auch auf der Frankfurter Buchmesse.

Nach Ende des weltgrößten Branchentreffens muss sich nun zeigen, ob die Neulinge dort erfolgreich präsentiert wurden. Und ob man sie im Verlagsprogramm richtig platziert hat. "Unsere Strategie ist: Wir haben keine", sagt Martin Spieles vom S. Fischer Verlag. Und untertreibt ein bisschen. Denn es gibt für jeden neuen Autor eine eigene Strategie: "Wir suchen für jedes Buch den richtigen Auftritt." Debüts wie etwa 1998 Judith Hermann erscheinen in der Regel in der Reihe "Collection S. Fischer". Früher waren das Taschenbücher, jetzt sind es Hardcover-Bände, aus gutem Grund: "Taschenbücher werden in den Medien weniger beachtet", meint Spieles. "Debüts sind keine Selbstläufer mehr wie noch vor einigen Jahren zu Zeiten des ,Fräuleinwunders’. Wir sprechen außerdem lieber vom ersten Buch eines Autors, dem weitere folgen sollen." Als Beispiel dafür nennt Spieles Monika Maron und Wolfgang Hilbig, der 2002 ebenfalls Büchner-Preisträger war.

Auch Tanja Warter bei C.H. Beck bestätigt: "Der große Hype wie damals bei den Popliteraten ist vorbei. Dennoch ist gerade die deutschsprachige Gegenwartsliteratur stark im Fokus. Das Angebot an guten Manuskripten ist groß, sodass wir immer ein Debüt im Programm haben." Bei Beck schätzt man sich glücklich, dass sich der diesjährige Träger des Bachmann-Preises, Thomas Lang, für den Verlag entschieden hat. Lang hat aus seinem noch nicht erschienenen Roman "Am Seil" bei der Vertretertagung gelesen, die für die Geschäfte zwischen Verlag und Buchhandel bedeutsam ist. Tanja Warter: "Das war das erste Verkaufsgespräch."

Extra-Prospekte und Deko-Krähen

Bei Hanser gilt die Devise, Debütanten möglichst weit vorn im Katalog zu platzieren. "Ausschlaggebendes Kriterium ist allerdings die Qualität. Jung sein genügt nicht", so Eva-Maria Neuburger vom Tochterverlag Nagel & Kimche. "Wir bemühen uns, die Autoren in die großen Wettbewerbe zu bekommen, in die Auswahl für den aspekte Literaturpreis oder zum Bachmann-Preis nach Klagenfurt." Doch müsse im Verlagsprogramm nicht zwingend ein Debüt vorkommen. Vielversprechend seien Vertreter eines neuen Trends: Sie würden allein schon dadurch wahrgenommen, dass man sie untereinander vergleichen könne.

Allein fünf Seiten zu Beginn des Katalogs nimmt bei Ullstein der Neuzugang dieser Saison ein, "Der Wald ist Schweigen" von Gisa Klönne. Da werden neben Textauszügen Werbemaßnahmen für die Buchhandlungen angeboten, etwa eine Dekokrähe aus Kunststoff, weil das Tier in diesem Krimi eine wichtige Rolles spielt. Die Absicht ist klar: "Wir wollen mit Gisa Klönne eine Krimiserie aufbauen", bestätigt Katharina Illgen.

Bei Diogenes hat der Amerikaner Joey Goebel für seinen Roman "Vincent" sogar einen eigenen sechsseitigen Prospekt bekommen. Bei der Buchmesse hatte er bereits drei Lesungen zu bewältigen und war täglich ausgebucht. "Wir hatten noch nie so viele positive Zuschriften von Buchhandlungen auf ein Leseexemplar", sagt Ruth Geiger von Diogenes, deren Unternehmen inzwischen die Weltrechte an Goebel hält. "15 000 Bücher sind bereits verkauft, und bei einem Neuling gelten 6000 schon als sehr gut."

Dass so ein Erfolg nur mit einer guten Strategie zu erreichen ist, zeigt sich daran: Der Autor konnte in seiner amerikanischen Heimat nicht so viele Bücher verkaufen wie Leseexemplare verschenkt wurden.

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