Ein junges Tier

- So ein Ansturm auf die Münchner Kammerspiele! War's die Medienaufmerksamkeit für die junge Katharina Schüttler, die auch gerade im Kino (s. unten stehenden Artikel) zu sehen ist? In ihrer schlaksigen Kühle ist sie jedenfalls genau die richtige "Hedda Gabler" für Thomas Ostermeiers Berliner Schaubühnen-Inszenierung von 2005, die am Wochenende hier gastierte.

Ein Ibsen, hochspannend, sinnlich-unterhaltsam und - abgründig. Hinter einer geradezu boulevardesken Beschwingtheit lässt der Regisseur die tragische Banalität einer leichtfertigen Ich-Gesellschaft für unser Hier und Jetzt aufscheinen.

Scheiternde Egomanen

Die gesellschaftlichen Brüche seit der Münchner Uraufführung 1891 muss man wegstecken: Damals blieb für die von Papas Idee von "Größe" infizierte Generalstochter Hedda nur eine aus Kalkül, halb auch aus Langeweile eingegangene Versorgungs-Ehe mit dem Kunsthistoriker Tesman. Heute könnte sie den Akademiker-Schlaffi ohne weiteres abschütteln, mit ihrem scharfen Verstand und Machtwillen eine Condoleezza Rice werden oder zumindest eine Ivana Trump. Trotzdem: diesen Typ der luxuriös ausgehaltenen Frust-Gattin mit Intrigen-Ehrgeiz wird es immer geben.

Katharina Schüttler spielt das auf faszinierende Weise ohne wirkliche Boshaftigkeit. Wie ein junges Tier in erwachender Funktionslust lauert ihre Hedda auf die kleinste Chance, andere in die Erniedrigung hineinzumanipulieren - eine ungelenkte, negative Energie. In ihrem selbstgewählten Käfig, einem neusachlich gestylten Glas-Bungalow (Jan Pappelbaums durch Drehung und Deckenspiegel perfekt allseitig einsehbarer Big-Brother-Luxuscontainer), bewegt sie sich in der entspannt nachlässigen Körper-Bewusstheit der heutigen Jugend.

Aus dem Heute geholt auch alle anderen in ihrer auf Alltagston eingepegelten Sprache (Text: Schmidt-Henkel/ von Mayenburg): der um seine Professur bangende Tesman, dem Lars Eidinger beim rollenbedingten Schussel ein Stück sympathische Anständigkeit lässt. Der von Hedda schließlich zum Selbstmord getriebene Ex-Lover und Tesman-Konkurrent Eilert Lövborg, von Kay Bartholomäus Schulze mit einer Spur zu viel Säufer-Melodramatik ausgestattet. Und Jörg Hartmanns als Hausfreund getarnter Erotik-Schmarotzer Brack. Allesamt scheiternde Egomanen einer überholten Yuppie-Gesellschaft. - Ibsen ist eben immer noch ein ganz und gar Moderner.

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