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„Ich habe mich ein Jahr lang an den Text herangetastet“: Jutta Speidel spielt ab heute in der Komödie im Bayerischen Hof das Solo-Stück „Verliebt, verlobt, verschwunden“. foto: marcus schlaf

Premieren-Interview

Speidel: Ein-Frau-Show "große Herausforderung"

München - „Verliebt, verlobt, verschwunden“ von Autor Stefan Vögel ist wie geschaffen für die Münchnerin Jutta Speidel. Mit unserer Zeitung sprach sie über die Solo-Komödie und ihren Verein für obdachlose Kinder.

7000 Mal hat Dagmar ihrem Hubert „Ich wünsch dir einen schönen Tag“-Küsse mit auf den Weg zur Arbeit gegeben – bis er eines Abends nicht mehr heimkommt. Sieben Jahre später wagt sie eine zweite Heirat. Aber am Hochzeitsmorgen ist der Bräutigam weg: „Verliebt, verlobt, verschwunden“ von dem Vorarlberger Autor und Kabarettist Stefan Vögel ist eine Solo-Komödie, wie geschaffen für die Münchnerin Jutta Speidel. Eine Powerfrau. Mit Herz. Mit ihrem Verein „Horizont“ engagiert sie sich seit 1997 für obdachlose Kinder und Mütter, neben den vollen Einsatz verlangenden Rollen in Film, Fernsehen und Theater. In der Münchner Komödie im Bayerischen Hof stemmt sie ab Mittwoch Stefan Vögels „Ein-Frau-Show“ (Regie: Sarah Kohrs).

Das ist doch wie ein Messer direkt in die Brust, wenn der Partner am Hochzeitstag verschwindet.

„Kommunikation ist der Luxus, den sich eine Beziehung leisten sollte“, heißt es einmal im Stück. Weil die Kommunikation zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht funktionierte, kam überhaupt diese Situation zustande.

Und diese Dagmar...

...verkriecht sich daraufhin in das alte Baumhaus. Und ihr wird bewusst, dass diese Hütte, die ihr als Kind so groß erschien, überraschend klein ist. Das ist genau der Punkt: Dinge, Probleme relativieren sich, wenn man älter wird. Und so geht sie jetzt zurück in ihre Kindheit, ihre erste Ehe, denkt sich in ihren Ex-Mann hinein, in ihre Kinder, ihre Freundinnen und verwandelt sich in diese Figuren.

Zwei Stunden lang und ganz ohne Bühnenpartner

Ja, das ist ein Brocken. Ich habe mich ein ganzes Jahr langsam an den Text herangetastet. Ich musste mir ja auch erst mal meinen Weg auf dieser Bühne suchen. Bei einem Baumhaus kann ich eben nur ein bisschen rauf, ein bisschen runter klettern oder vorne an der Rampe sitzen... Aber ich bin ein alter Theaterhase. Rudolf Noelte hat mich in der Schauspielschule entdeckt. Ich habe schon ganz früh richtig große Klassiker gespielt. Und ich bin sehr sehr froh, dass ich nach zehn Jahren Fernsehen wieder auf der Bühne stehe.

Das Stück könnte für Sie geschrieben sein.

Als Stefan Vögel den Text geschrieben hat, kam er offensichtlich auf mich und meinte: Das muss die Speidel spielen. Er ist selber auch Schauspieler und Kabarettist, hat auch ein kleines Theater in Gurtis am Arlberg. Dort wurde es wohl einmal von einer Kabarettistin aufgeführt. Das ist das Reizvolle an diesem Stück, dass es von einer Schauspielerin wieder ganz anders umgesetzt werden kann. Allerdings interaktiv mit dem Publikum zu spielen, das habe ich noch nie gemacht. Die Zuschauer müssen sich nicht verbal äußern, aber sie müssen reagieren. Und wie ich festgestellt habe, machen sie das gerne. Sie beziehen hier Stellung, durchaus auch mal gegen die Frau und für den Mann, was ganz spannend ist. Singen werde ich auch – also es ist schon eine große Herausforderung.

Aber die suchen Sie ja, wie auch Ihr Verein „Horizont“ beweist.

Als ich 1995 in einer „Biss“-Zeitung von obdachlosen Kindern gelesen habe, nicht etwa in Afrika oder sonstwo in Krisengebieten, sondern in München, war ich erschüttert. Damals waren es 350 kleine Kinder! Ich musste dann alles lernen, von der Satzung bis zur Finanzierung, und habe mit Freunden diesen Verein gründet. Wir sind immer noch nur sieben, weil wir überschaubar bleiben wollen. Zu uns kommen Frauen mit ihren Kindern, die über Jahre eingesperrt wurden und Gewalt in der Familie erlebt haben. Aber auch Frauen, die durch Arbeitsverlust plötzlich verarmt sind. Für diese Menschen ist unser Haus mit einundzwanzig Sozialpädagogen und Kunsttherapeuten 24 Stunden besetzt.

Ein Kraftakt...

Vor allem, um die Finanzierung zu gewährleisten. Unser Vier-Mann-Büro kennt sich zwar aus mit Marketing und Fundraising. Aber ich selbst gehe auch auf Spendensuche, habe dafür 2007 sogar den Deutschen Fundraising Preis bekommen. Es passiert mir oft, dass Leute auf der Straße mir entgegenkommen: „Wie schön Frau Speidel, dass ich Sie sehe. Ich wollte Ihnen schon lange für Ihren Verein etwas spenden“ – und drücken mir einen Geldschein in die Hand. Weil sie wissen, der landet nicht in meinem privaten Portemonnaie... Jetzt planen wir schon ein zweites Haus mit erweitertem Betreuungskonzept.

Sie sind auch Autorin, zusammen mit Ihrem italienischen Lebenspartner Bruno Maccallini.

Wir machen jedes Jahr eine schöne Reise und schreiben darüber. Das Prinzip ist, dass wir aus zwei verschiedenen Sichten und Mentalitäten Geschichten erzählen. Unser drittes Buch über Südamerika „Ahoi, Amore! Unterwegs auf dem falschen Dampfer“ ist gerade im Ullstein-Verlag erschienen.

Bis 20. April, Telefon 089/ 29 16 16 33.

Das Gespräch führte: Malve Gradinger.

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