Interview zum Romandebüt

Kabarettist Liegl: "Von der Komik des Schrecklichen"

München - Der Kabarettist Alexander Liegl hat ein Buch über den Tod geschrieben. Im Interview erzählt er über sein Romandebüt, glückliche Menschen und seine Angst vor der Eskalation.

Alexander Liegl hat ein Buch über den Tod geschrieben? Natürlich nicht. Aber sein Roman „Oben ist auch nur unten, aber halt von oben“ beginnt auf einem Friedhof und erzählt dann von Max Lentner, der ständig in Katastrophen gerät, und von dessen ewigem Widersacher Karl. Am Mittwoch stellt der 1964 in Kirchseeon geborene Liegl, der zunächst mit der Kabarettgruppe „Valtorta“ bekannt wurde, sein Buch im Münchner Vereinsheim vor. Vorab trafen wir den Autor, Regisseur und Schauspieler – passend zum Beginn seines Romans – auf dem Alten Nördlichen Friedhof in München zum Gespräch.

Woher kommt Ihr Interesse, Dinge eskalieren zu lassen – ob auf der Bühne oder in Ihrem Roman?

Das kommt daher, dass ich vom Alltag ausgehe und nicht von einem zentralen Ereignis. Meistens starte ich im Kleinen. Es macht mir Spaß, das weiterzuspinnen und in Katastrophen ausarten zu lassen. Etwas, das gar nicht schlimm sein müsste, wird immer schlimmer. Die Komik des Schrecklichen aus dem Nichts. Woher die kommt, weiß ich nicht. Vielleicht, weil ich eigentlich Angst habe vor Eskalationen.

Ist das Buch also autobiografisch?

Es fühlt sich so an. Das Gefühl hat man ja schon beim Brotschmieren in der Früh. Dann fällt es runter, und weil man sich bückt, ist der Rücken verrissen, und dann kommt man zu spät und wird zusammengeschissen, weil ein Marmeladeglas nicht aufgegangen ist. So ist es halt. Es passiert jedem, aber ich habe das Gefühl, es passiert nur mir. Ja, es gibt autobiografische Stellen im Buch. Welche, will ich aber gar nicht verraten.

Mussten Sie Dinge nachträglich ändern, damit sich Leute nicht erkennen?

Nein. Ich wollte auch niemanden speziell beschimpfen. Und wenn, dann haben ja die Leute viel Spaß daran, beschimpft zu werden: Schau, ich komme da vor!

Normalerweise schreiben Sie ja für die Bühne und präsentieren die Texte dem Publikum. Bei einem Buch ist die Distanz zum Leser größer. Würden Sie gerne die Kabarettbühne komplett gegen den Schreibtisch tauschen?

Also, ganz tauschen nicht. Ich würde es immer als Kombination machen. Es ist schon interessant, weil Bücherschreiben für den Autor unmittelbarer ist. Das Erfinden für die Bühne kann der tollste Moment sein. Aber da weiß ich bereits, dass wir es genau so auf der Bühne nicht werden rüberbringen können. Für das Buch kannst du ja alles erfinden, da ist es wurscht, ob eine Stadt explodiert. Das darf sein. Aber nur Prosa schreiben? Man sieht ja, ich will dann prompt Lesungen machen. Ich will es den Leuten persönlich durch meine Körperlichkeit nahebringen.

Ein wenig Rampensau sind Sie also schon?

Ja, in gewisser Weise. Ich will aber nicht andauernd spielen. Erfinden ist schon eine besondere Glückseligkeit. Da ist dann alles perfekt. Aber man würde am liebsten neben dem Leser sitzen und fragen: Und? Der Live-Moment fehlt halt. Es ist auch Gewohnheit, etwa beim Kabarett, einen eigenen Text vorzutragen, oder dabei zu sein, wenn andere deinen Text vortragen. Und plötzlich muss man es weggeben und weiß nicht, was damit passiert.

Wie geht es denn mit Herrn Lentner nach „Oben ist auch nur unten, aber halt von oben“ weiter?

Man könnte natürlich einmal eine Bühnenfigur aus ihm machen. So eine Figur lässt man ungern ganz weg. Das meiste über ihn ist ja eigentlich im Buch gesagt. Aber wer weiß, was er noch auslösen kann. Es gibt eh Randfiguren, die immer wieder vorkommen, wie der Gruber Giovanni im Roman. Der ist schon in fünf oder sechs Programmen aufgetaucht, ganz klein. Auch in Filmen, weil der Regisseur Matthias Kiefersauer ihn immer reinschreibt. Auch beim Michael Altinger taucht er auf. Ursprünglich kommt der Gruber Giovanni vom „Valtorta“-Programm „Mörd“. Da tauchte er erstmals auf. Vielleicht entwickelt der Max Lentner auch einmal ein Eigenleben – oder eine andere Figur aus dem Buch.

Vielleicht Lentners Gegenspieler Karl?

Karl ist ja auch seltsam. Der ist zwar ein Gewinner, kann aber auch nichts mehr.

Er ist nicht glücklich?

Glücklich? Ach geh! Glückliche Leute – es gibt ja nichts Langweiligeres. Was soll man über die schreiben? Braucht kein Mensch.

Das Gespräch führte Antonio Seidemann

Alexander Liegl:

„Oben ist auch nur unten, aber halt von oben“. Talos Verlag, 228 S.; 12,99 Euro.

Alexander Liegl stellt sein Buch am Mittwoch, 19.30 Uhr, im Münchner Vereinsheim, Occamstraße 8, vor. Telefon 089/ 344 974.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Hamlet ist Richter und Henker“
München - Gleich zum Auftakt des Jahres lassen es die Münchner Theater krachen. Wenige Tage nach „Macbeth“ am Residenztheater folgt in den Kammerspielen ein weiterer …
„Hamlet ist Richter und Henker“
Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
München - Wer das Wort „fantastisch“ im Namen führt und auszieht, sein Best-of unters Volk zu bringen, der hängt die Messlatte hoch. Die Fantastischen Vier erfüllen den …
Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
Im Reich von Mode und Magie
Zürich - Spätestens seit dem Terroristen-Epos „Carlos“ ist der französische Filmemacher Olivier Assayas auch deutschen Kinofans ein Begriff. Sein preisgekröntes Drama …
Im Reich von Mode und Magie
Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht

Kommentare