Kabarettistisches liegt in der Familie

- Die Jungen an die Front. - Mit dieser Politik seines BallettTheaters München (BTM) bringt Tanzchef Philip Taylor im Gärtnerplatztheater an diesem Sonntag "Modern Dance II: Piano Works" heraus. Neben seinem "Quiet Strength" (91) und seiner Uraufführung "Junction" haben auch zwei BTM-Mitglieder Stücke kreiert: Annett Göhre "Kleinigkeiten", Caetano Soto "Bajo Piel". Dem Titel zufolge spielt das Klavier in der Musik-Auswahl eine große Rolle. Und beim BTM immer maßgeblich: die Tänzer. Wie David Russo, Jahrgang 79, geboren in Alba/Italien.

<P><BR>Gleich bei seinem Münchner Engagement 2000 ist der Absolvent der Stuttgarter John-Cranko-Schule Russo aufgefallen: starke tänzerische Präsenz, mediterrane Erscheinung mit seiner Olivhaut und schwarzen Haaren. Doch ist da nicht noch etwas anderes, rätselhaft Exotisches? "Stimmt schon", lacht er. "Meine Mutter ist Philippinin. Sie kam nach Italien auf der Suche nach Arbeit, nach einem besseren Leben. Mit dem Job hat es nicht lange gedauert, weil sie meinen Vater kennen lernte. Und je älter ich werde, umso mehr schlägt das Erbe meiner Mutter durch." Von den drei Söhnen ist David Russo der mittlere.</P><P>Und genau in der Mitte, was sein Lebensgefühl betrifft, zwischen italienisch heimeliger Familien-Wärme ("Ich telefoniere fast jeden Tag nach Hause") und der mütterlichen Wanderlust, ihrem Existenz-Mut: "Nach dem Abschluss habe ich in sechs Monaten 25-mal vorgetanzt, an allen deutschen Theatern und in Paris. In Zürich bei Heinz Spoerli sogar zweimal, auf Anmeldung. Er hat nicht einmal zugeschaut. Das war das einzige Mal, wo ich geweint habe . . . Von der John-Cranko-Schule geht man ja ab mit einem gewaschenen Hirn: Man will zuerst nur in eine große klassische Compagnie. Aber die nehmen Gruppentänzer erst ab 1,78 Meter. Da falle ich gleich aus dem Raster."</P><P>Russo erreicht zwar nicht das Gardemaß. Aber er hat als Fundament Stuttgarts russisch geprägte, außerdem die italienische Cecchetti-Ausbildung (seine Lehrerin studierte noch bei Cecchettis Sohn) und _ Kämpfergeist. Qualitäten, die Birgit Scherzer am Saarländischen Staatstheater erkennt. Dem Saarbrücker Grenzstadt-Wohlleben kehrt Russo nach zwei Saisons den Rücken. Auch wegen Scherzers Nachfolger Bernd Bienert, mit dem die Chemie nicht stimmte. "Ich habe eine Modern Dance Compagnie gesucht, bei der auch meine klassische Technik geschätzt wird. Und Philip Taylor ist ein guter Direktor. Wenn ich etwas falsch mache, sagt er mir, was es ist. Das hilft, sich zu entwickeln. Jetzt in ,Junction ist es auch ein ganz neuer Prozess. Normalerweise weiß er schon zu Beginn, was er will. Diesmal hat er sich mehr auf unsere Ideen und Vorstellungen eingelassen, auf das, was sich für uns organischer anfühlt."</P><P>Solisten wie im traditionellen Ballett gibt es nicht im Modern Dance. Aber spätestens in Taylors "A(t)tempting Beauty" letzte Saison: Russo als transvestitische Diva-Grazie, da schaute jeder hin. "Meine Eltern sind extravagante Leute", Russo analytisch. "Ich glaube, so etwas Kabarettistisches liegt in unserer Familie." Und schon bevor er im Turn-Unterricht als tanzbegabt zum Ballett weiter befördert wurde, habe ihn das Theaterspielen angezogen. Deshalb mache ihm Annett Göhres Quartett-Stück "Kleinigkeiten" (Rohfassung bereits bei "Junge Choreographen") auch sehr viel Spaß: "Annett arbeitet intensiv an der schauspielerischen Qualität. Sie benutzt viel weniger Bewegung als andere. Aber jede einzelne Bewegung, jede Szene hat eine bestimmte Bedeutung."</P><P>Denkend mitgestalten, das liegt dem ernsten Russo. Und schon in die Zukunft planen. "Ich möchte später eine Ballettschule aufbauen und hätte deswegen so gerne die Pädagogenausbildung an der Münchner Heinz-Bosl-Stiftung gemacht. Leider ist sie jetzt nicht mehr im Lehrplan . . ."<BR>Malve Gradinger<BR></P>

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