Im Kabinett der Angst

- Ein Strauch voller Spatzen im Mondschein, ein Barbiehaus im Lichtkegel einer Taschenlampe. Heimlich oder unheimlich? Oft vermag man das nicht so genau zu entscheiden, denn diese beiden ungleichen Kinder des schwer fasslichen, in letzter Zeit oft hinterfragten Begriffs der Heimat liegen nicht nur für den Freudianer nah beieinander.

Dies zeigt sich auch in der Ausstellung "Heimlich/ Unheimlich" im Fotomuseum des Münchner Stadtmuseums, in der dessen Leiter Ulrich Pohlmann die Ergebnisse eines Seminars mit Fotografie-Studenten der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich präsentiert: als Panoptikum des Ungewissen, als vielförmiges Kabinett aus Angst, Befremdung, Neugierde, Kult, auch einer gewissen Ironie, was die künstlerische Herstellung von Grusel betrifft. Wie Filmstills lassen einige der 15 Einzelbilder und Serien nach dem Vorher und dem Nachher fragen und rechnen zu Recht mit einem erst im Betrachter produzierten Schrecken.

Ein ganz objektives Unbehagen herrscht dagegen in Flavia Trachsels Bild "endgültig": Ein barfüßiger junger Mann sitzt neben einem Schrank voll ausgestopfter Wildkatzen ­ wobei der Lebende hier wie ein Toter wirkt, in unheimlichem Kontrast zu den lebensecht erstarrten Präparaten. Mehr als ein Drittel der Bilder wählt die intimste fotografische Perspektive: das Porträt. Durch das Spiel mit unerfüllten Erwartungshaltungen und Konventionen entstehen hierbei jedoch rätselhafte Leerräume ­ in gesichtslosen Hinterköpfen, in zerkratzten Selbstbildnissen oder in der artifiziell geklonten Idealisierung eines Mannes zum "Narziss", "Jäger", "Gelehrten".

Mit der Archiv-Serie des Mädchens "Ildiko" fragen Petra Köhle und Nicolas Vermot Petit-Outhenin nach der Beziehung zwischen dem verkrampften Modell und seinem unsichtbaren Fotografen; in einer Vitrine hat Ornella Cacace reale wie fiktive Familienbilder arrangiert: ihr eigenes Leben bis hin zu ihrem Tod. In dieser Vitrine deutet sich schon an, wodurch alle spannende fotografische Inszenierung noch auf eine (un-)heimliche Spitze getrieben wird: durch Authentizität.

So hat sich Sally Montana ihre vierjährige Korrespondenz mit einem mutmaßlichen Mörder im Idaho State Correctional Complex zum Diplom-Thema gemacht. Ausschnitte aus ihren Briefen begleiten eine fotografische Spurensuche und Zeugenbefragung, und die Frage nach heimlich oder unheimlich, sie weitet sich hier zur Frage nach unschuldig oder schuldig.

Bis 14. Januar. Di.-So. 10-18 Uhr, Telefon 089/ 23 32 23 28, Infos: www.merkur.de.

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