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Christoph „Lupus“ Lindemann Gitarrist und Sänger der Berliner Band Kadavar.

Berliner Trio im Backstage

Rockband Kadavar: Ritt auf der Retro-Welle

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Das Berliner Trio Kadavar holt die Siebziger zurück ins Heute - entschlackt und entstaubt. Am Mittwoch sind sie zu Gast im Münchner Backstage.

München - An den Auftritt beim Rockavaria vor zwei Jahren werden sich die Burschen von Kadavar noch lange erinnern. Kurz vor dem geplanten Beginn auf der Seebühne spült ein Wolkenbruch die Festival-Fans im Olympiapark gewaltig durch. Wegen der Unwetterwarnung wird vorübergehend sogar der Innenraum des Stadions geräumt. 

„Eigentlich war unser Auftritt schon so gut wie abgesagt“, erinnert sich Christoph „Lupus“ Lindemann, Gitarrist und Sänger der Berliner Band. Mit eineinhalb Stunden Verspätung geht es dann doch noch auf die kleine Bühne – genau in dem Moment, als nebenan im Stadion mit Iron Maiden das Festival-Zugpferd in voller Lautstärke wiehert. „Es waren nur gefühlt 50 Leute bei uns“, sagt Lupus und lacht. „Aber wenn du siehst, diese 50 haben sich für dich entschieden, und sie bleiben auch das ganze Konzert, dann hast du genauso viel Spaß wie sie.“

Kadavar im Münchner Backstage

Wenn Kadavar bei ihrer aktuellen Tour im Münchner Backstage haltmachen, dürften es viel mehr als 50 Zuschauer werden. Das Berliner Trio hat sich in nur wenigen Jahren eine ansehnliche Fangemeinde erspielt. Kadavar, das klingt nach Tod und Verfall, nach Teufelsmusik aus den Untiefen einer Szene mit finsteren Gestalten in knielangen Ledermänteln. Doch der Name täuscht. Christoph „Lupus“ Lindemann, Christoph „Tiger“ Bartelt (Schlagzeug) und Simon „Dragon“ Bouteloup (Bass) tragen Lederstiefel mit Absatz und getigerte Seidenhemden, Rockermähne und Methusalem-Bärte. Und sie liefern brachialen Siebzigerjahre-Sound ohne Schnörkel, mit dem Groove des Stoner-Rock, den betäubenden Melodien des Psychedelic und der Wucht des Hardrock.

Man muss keine 70 sein, um die Siebziger auf die Bühne zu bringen

Das kommt an in einer Zeit, in der die Welt noch immer die Vorbilder dieses Genres feiert. Ozzy Osbourne, Kiss, ZZ Top – alles nicht mehr die knackigsten Äpfel am Baum. Und trotzdem kommen sie alle im nächsten Jahr nach München und dürfen sich auf ausverkaufte Konzerte freuen. Aber woher kommt sie, die neue Liebe zum alten Sound?

„Wenn sich die Jugend durch Papas alte Platten hört, stellt der ein oder andere eben fest: Das ist ja gar nicht so schlecht“, sagt Arno Frank Eser, Betreiber des Rockmuseums am Münchner Olympiaturm, der die Retro-Begeisterung kennt wie kein zweiter. Und wer wie Eser die Zeit selbst miterlebt hat, in der die Gitarren zum ersten Mal so richtig schön verzerrt aus den Verstärkern knallten, der holt sich durch die Musik eben gern ein Stück Jugend zurück.

Aber man muss keine 70 sein, um den Sound der Siebziger auf die Bühne zu bringen. Das beweisen junge Bands wie Greta van Fleet, Blues Pills, Graveyard oder eben Kadavar. Die meisten ihrer Mitglieder waren noch gar nicht geboren, als Ozzy Osbourne 1982 zum Mütterschreck mutierte, indem er auf der Bühne einer Fledermaus den Kopf abbiss. Trotzdem greifen die Jungrocker den Stil ihrer Vorbilder auf und wuchten den Sound der Siebziger ins neue Jahrtausend. Entschlackt, entstaubt und ohne tote Fledermäuse.

„Ehrliche Musik, nichts vom Band.“

„Lupus“ glaubt, dass der Rock-Bogen in den vergangenen Jahren schlicht überspannt wurde. „Die Produktionen immer fetter, die Shows immer größer, immer noch mehr Leute auf die Bühne und der Sound gerade im Metal noch schneller und brutaler.“ Irgendwann sei die Grenze erreicht. „Dann sehnen sich die Leute zurück zum Ursprung.“ Bass, Gitarre, Schlagzeug. „Ehrliche Musik, nichts vom Band.“ Ehrlich heißt bei „Lupus“ und „Tiger“, beides studierte Tontechniker, auch: Ihre Stücke spielen sie ausschließlich mit Geräten aus der Zeit ein. „Nach drei Versuchen muss der Song im Kasten sein. Sonst verkünsteln wir uns nur.“

Dass Kadavar eine gewisse Nähe zu Black Sabbath und den britischen Space-Rockern von Hawkwind nachgesagt wird, damit haben sie sich mittlerweile abgefunden. „Was soll’s, die hören wir schließlich immer noch“, sagt Lupus – auch wenn es zum Warmwerden vor dem Auftritt auch mal eine Hip-Hop-Nummer oder die Bee Gees sein dürfen.

Vier Alben haben Kadavar in den acht Jahren ihrer Bandgeschichte veröffentlicht, gerade ist ein Live-Mitschnitt eines Konzerts in Kopenhagen erschienen, der bei den Fans deshalb besonders beliebt sein dürfte, weil sich die Band den Ruf erspielt hat, live gerne immer noch ein paar Dezibel mehr abzuliefern. Die Europatour läuft bereits, am 28. November ist München an der Reihe. Diesmal ohne eiserne Jungfrau, die im Hintergrund wiehert.

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