Käfer im Bernstein

- Vor einigen Jahren hat sich Maxim Biller von der Vergangenheit verabschiedet. Nur wie ein Schatten sei sie in seinem nächsten Buch wahrzunehmen, hatte er in einem Interview erklärt. Das Buch war "Die Tochter", sein erster Roman, und die Vergangenheit von der er sprach, war die Geschichte der deutschen Juden, der Tschechoslowaken, der Emigration und des Exils, war seine eigene Geschichte. Das Versprechen hat er nie eingelöst. "Die Tochter" enthielt die Verarbeitung eines Kriegstraumas, in "Esra", dem nächsten Roman, wagte es Biller gar, ganz detailliert aus eigenen Beziehungserfahrungen zu plaudern - und wurde prompt gerichtlich gestoppt. Tatsächlich hat es nämlich immer zu Billers explizitem Programm gehört, die Historie einzubeziehen. Leidenschaft und Leben - Realismus - sollte das seinen Figuren geben.

<P>"Bernsteintage" heißt sein neues Buch, das ab heute im Handel ist, und enthält sechs Erzählungen, von denen eine, "Ein ganz normales Leben", bereits in der Best-of-Sammlung "Der perfekte Roman" erschienen ist. Und wieder erzählt Biller von der Möglichkeit des jüdischen Lebens in Deutschland, wieder haben die Helden mit ihren Erinnerungen zu kämpfen. Persönlich, ja autobiografisch, beginnt der Band mit der Titelgeschichte. Kurz vor der Ausreise in die Bundesrepublik erlebt ein tschechoslowakischer Junge den Einmarsch der russischen Armee in Prag. Ganz und gar unspektakulär findet er dies in der Rückschau, also soweit er sich noch daran erinnern kann. Denn hier breitet Biller das Programm des Buches aus. "Seine tschechische Kindheit war von seinem Gedächtnis so fest umschlossen wie ein winziger Käfer von einem Bernsteinblock - er selbst war der Käfer, aber er war auch derjenige, der ihn von außen betrachtete, und das verzerrte vielleicht seinen Blick."<BR><BR>Die Reflektion über das Zurückschauen prägt die Geschichten. Billers Figuren möchten ihr Leben wie Ausstellungsobjekte betrachten. Doch längst haben sie die Kontrolle verloren, über Vergangenheit und Gegenwart. "Die Dinge nahmen ihren Lauf, und er hatte keinen Einfluss auf sie." Die Existenz hat sich verselbständigt, und das Gedächtnis trügt. Fast alle Protagonisten sind Autoren, und Schreiben ist für sie oft der einzige Ausweg. Elegant gelingt es Biller, die Historie der Figuren scheinbar aufzudecken. Wie ein offenes Geheimnis behandelt er sie. Im großen Drumherumreden schält sich langsam die Vergangenheit heraus, unter der die Gegenwart offenbar so zu leiden hat. </P><P>Schreiben als Therapie<BR><BR>Das macht das Lesen von "Bernsteintage" spannend, und spiegelt außerdem den Mechanismus der Aufarbeitung von Geschichte. Schritt für Schritt tastet man sich voran, nie jedoch schaut man den Ereignissen unmittelbar  ins Gesicht, nie stellen sich Billers Figuren ihrem früheren Leben. Das Buch beginnt persönlich und endet ebenso. Ein junger Filmstudent ist auf der Suche nach seiner tschechischen Kindheit, nach einer Chimäre. Das Leben ist Kino für ihn, er selbst beobachtet sich durch eine imaginäre Kamera. Als ob Biller das Desaster um "Esra" verarbeiten wollte, denkt er hier über das Verhältnis von Wirklichkeit und Kunst nach. Wie seine Figuren schreibt Maxim Biller zur Therapie. <BR></P><P>Maxim Biller: "Bernsteintage". <BR>Kiepenheuer & Witsch, Köln. 208 Seiten, 16,90 Euro. <BR></P>

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