Käfig voller Neuheiten

- Vor dem Haus parkt das Giftmobil der Stadt München. Was natürlich gleich zu lästerlichen Gedanken einlädt. Etwa darüber, was man drinnen manchmal zu sehen bekam. Oder aber über den Eifersuchts- und Profilierungsunrat, der zwischen alter und neuer Theaterleitung produziert worden war. Ab der Saison 2007/08 kommt's nun also zum Schnitt: Ulrich Peters, der neue Staatsintendant am Gärtnerplatz und bislang noch Chef des Theaters Augsburg, beerbt Klaus Schultz, der gerne länger geblieben wäre.

Bunter könnte es dort bald zugehen, wie Peters‘ erster Spielplan andeutet. Vor allem aber: produktionsreicher (siehe Text unten). Denn pro Monat mindestens eine Premiere, das hat es dort lange nicht gegeben. Schon bis Weihnachten bringen die Sparten Oper, Operette, Tanz und Musical je eine Neuheit heraus, zudem präsentiert sich die Kinder- und Jugendarbeit, die künftig jedes Jahr zur Weihnachtszeit eine Produktion einstudieren will.

"Ein Theater für München" schwebt Ulrich Peters vor, eine "unverwechselbare Marke", angefangen mit dem neuen Logo, einem roten "G", das künftig fürs Gärtnerplatztheater werben soll. Wie überhaupt das Marketing für den designierten Intendanten und "studierten Ökonom" enorm wichtig zu sein scheint ­ angesichts dieser "Event- und Erlebnisgesellschaft", in der "Bungee-Springen oder ein Theaterbesuch der Kick sein kann". Und ein wenig konnte man auch schon Peters‘ Regie-Vorlieben erahnen. Denn "krampfhafte Übertragungen in die Gegenwart" schätzt er wohl weniger. So etwas hindere uns zu erkennen, "dass es auch eine Vergangenheit gab".

Für seine erste Saison vertraut Ulrich Peters auf Altmeister wie Alfred Kirchner ("Figaros Hochzeit") und Helmut Baumann ("Ein Käfig voller Narren"), auf in München völlig unbekannte Regisseure ­ und auf seine eigene Schaffenskraft ("Fra Diavolo"). Allerdings bezeichnete er sich nicht als ersten, sondern als "letzten Regisseur des Hauses".

Wackelnde Wände und Verdi auf Italienisch

Das 20. Jahrhundert ist mit einer Oper von Philip Glass vertreten ("Die Schöne und das Biest"), das Rockmusical "Christ O" über den Grafen von Monte Christo soll vor allem die Jugend ins Haus holen und "die Wände wackeln lassen". Mit Verdis Vertonung von Schillers "Räubern", der Oper "I Masnadieri", bricht Peters ein ehernes Gärtnerplatz-Gesetz: Gesungen wird nicht auf Deutsch, sondern in der italienischen Originalsprache.

anz ausdrücklich lobte der künftige Chef die Zusammenarbeit mit der Staatsoper, "hochgezogene Zugbrücken" seien nicht zu erkennen. Mit dem Staatsschauspiel könne man sogar ein "neues Probenzentrum" entwickeln, nachdem der Freistaat die Probebühne des Gärtnerplatztheaters in der Harthauser Straße auf die Verkaufsliste setzen will.

Einige neue Gesichter tauchen in der Führungsriege auf. Hans Henning Paar leitet das "TanzTheaterMünchen", das Philip Taylors "balletttheater München" ersetzt. 20 Tänzer sind dabei, die Eigenes erarbeiten, aber auch für Musiktheater-Aufführungen verpflichtet werden. Neuer erster Kapellmeister ist Henrik Nánási, den Ulrich Peters aus Augsburg mitbringt. Chefdramaturg wird Christoph Maier-Gehring, Klaus Schultz betreut diese Position und die Intendanz noch in Personalunion.

Von seinen Sängern (sechs Neuverpflichtungen bei den Damen, zehn bei den Herren) hat Peters "ein Bekenntnis zur Operette" verlangt. Chefdirigent bleibt David Stahl, der auf der Programmvorstellung den Neuanfang emphatisch lobte, obwohl er doch eigentlich auch Teil der alten Theaterleitung ist. Und um das "Theaterpädagogische Programm" für Kinder und Jugendliche kümmert sich Holger Seitz. Der möchte gleichzeitig auch eine Seniorentheatergruppe für "spielwütige Menschen" gründen. Dass sich hier bereits 55-Jährige angesprochen fühlen dürfen, überraschte freilich ein wenig.

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