Ein Kämpfer im Leben

- Es ist einige Jahre her, dass der russische Stargeiger Maxim Vengerov auf einer Tournee mit dem English Chamber Orchestra erstmals sowohl als Solist als auch als Dirigent auftrat. Sorge, dass er sich eines Tages nur noch auf das Taktschlagen konzentrieren würde, braucht man bei ihm allerdings nicht zu haben, obwohl Vengerov zweieinhalb Jahre intensiv bei Vag Papian, seinem ständigen Recital-Partner, Dirigieren studiert hat. "Das werde ich nie tun, weil meine Geige sehr eifersüchtig ist. Wenn ich etwas anderes mache, muss ich zuerst meine Geige fragen: Darf ich dirigieren oder nicht? Die Geige ist eigentlich ein Fulltime-Job. Sie braucht immer Aufmerksamkeit, man muss auf sie aufpassen."

"Das ist Musik, die vom Himmel kommt."<BR>Maxim Vengerov<P>Und um was für ein Instrument handelt es sich? Vengerov: "Es ist ein ganz besonderes, das vom legendären Antonio Stradivari gebaut wurde. Gespielt wurde diese Stradivari aus dem Jahr 1723 schon vom berühmten französischen Violinvirtuosen Rodolphe Kreutzer, und diese Geige hat eine Geschichte. Schon Beethoven hörte sie, und die berühmte ,Kreutzer-Sonate wurde auf ihr gespielt. Ich bin sehr stolz, dass ich dieses wunderschöne Instrument in der Hand haben darf." Und auch zum Interview im Münchner Palace Hotel hat der ausgesprochen natürliche und humorvolle Maxim Vengerov die Geige mitgebracht. Um Erlaubnis muss er seine Stradivari auch fragen, wenn er zur Barock-Geige oder, was er inzwischen auch sehr gerne tut, zur Bratsche greift. Denn der Bratsche gilt in diesem Jahr besondere Aufmerksamkeit. Eigentlich hat sich Vengerov das Jahr 2005 als Sabbath-Jahr ausbedungen, in dem er sich intensiv auf seine Improvisationsstudien beim berühmten Jazzgeiger Didier Lockwood konzentriert: "Seit ich ein kleines Kind war, wollte ich immer improvisieren, ganz frei Musik machen, ohne etwas einzuüben. In Russland gab es da für Kinder nicht viel Raum. Jetzt will ich das alles nachholen."<BR><BR>Aber nun unterbricht er diese Studien gleich für zwei Projekte: So freut er sich, am Sonntag, 3. Juli, um 21 Uhr beim Open Air "Klassik am Odeonsplatz" gemeinsam mit den Münchner Philharmonikern unter Leitung von Alexander Liebreich Beethovens Violinkonzert aufzuführen. "Für mich ist das eine der genialsten Musiken, die überhaupt für Geige und Orchester geschrieben wurden. Das ist Musik, die vom Himmel kommt, wirklich ein Gottesgeschenk. Auch selbst für Beethoven. Ich glaube, Beethoven ist ein genialer Komponist, aber so gut wie hier hat er nicht jedes Mal geschrieben. Dieses Konzert ist in allen Aspekten einfach Perfektion, Humanität."<BR><BR>Zu Beethovens Seele empfindet Maxim Vengerov eine besondere Nähe, weil es da für ihn einfach alles gibt: "Leidenschaft, auch Kampf; manchmal gibt er auf, aber es bleibt immer Hoffnung. Es gibt alle Gefühle, die die Menschen haben. Es gibt auch Momente, in denen Beethoven mit Gott spricht."<BR>Der 1974 im sibirischen Nowosibirsk in einem Musikerhaushalt geborene Maxim Vengerov ist ein Generalist, der von Bach bis Schostakowitsch alles spielen kann. Viereinhalb Jahre war er alt, als er eine Geige in die Hände bekam.<BR><BR>"Es war immer mein Ziel, mit der Geige zu singen."<BR>Maxim Vengerov</P><P>Zuvor sang er bereits begeistert, und mit der Geige konnte er einfach weiter singen: "Es war immer mein Ziel, mit der Geige zu singen und nicht zu spielen." Ein halbes Jahr später gab er sein erstes öffentliches Konzert vor 1000 Zuhörern. Neben viel Talent brachte der Junge allerdings auch den unbedingten Willen zu harter Arbeit mit. Kein Wunder, dass sich Vengerov auch von seiner Charakterstruktur her Beethoven sehr verbunden fühlt: "Ja, ich versuche auch, ein Kämpfer im Leben zu sein, und so muss das sein. Aber man muss auch die Grenzen kennen, wissen, wie viel man kämpfen darf und wann es besser ist aufzugeben."<BR><BR>"Ich muss immer erst meine Stradivari fragen."<BR>Maxim Vengerov</P><P>Der Zakhar-Bron-Schüler Vengerov, der einst seinem Lehrer über Moskau an die Lübecker Musikhochschule folgte, lehrt heute selbst als Professor in Saarbrücken, engagiert sich mit Begeisterung für Kinder und Jugendliche und ist seit 1997 UNICEF-Botschafter für Musik. Große Auditorien und Open-Air-Atmosphäre liebt Vengerov bis heute. Auf 15 000 Hörer hat er es bei einem Konzert auf den Kanälen Amsterdams gebracht, in München erwarten ihn immerhin 8000 Musikfreunde.<BR><BR>"Turbo-Drive aufregend" nennt er das, und Geschwindigkeit spielt in seinem Leben durchaus eine Rolle. Er liebt nicht nur das virtuose Spiel auf der Stradivari, nein, Vengerov ist auch ein rasanter Autofahrer, der seinen 374 PS starken Lexus schon mal mit 270 Kilometer pro Stunde fährt. Und das ganz entspannt, wie er versichert.</P><P>Karten von 19 bis 58 Euro. Tel. 08105/ 48 18 16.<BR></P>

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