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Sie gab Kain eine zweite Chance

- "So lange man noch Neugierde in sich hat und staunen kann, ist das Alter egal." Ihrem Leitspruch ist die Lyrikerin Hilde Domin bis zu ihrem Lebensende treu geblieben. Voller Tatendrang arbeitete die vielfache Literaturpreisträgerin noch mit 95 Jahren an den Erinnerungen an ihre Kindheit und war bis zum Schluss bundesweit mit Lesungen unterwegs. Im Alter von 96 Jahren ist die energische, kleine Frau am Mittwoch in ihrer Wahlheimat Heidelberg gestorben.

Schreiben und Lesungen halten, das war das Lebenselixier für die Dichterin jüdischer Herkunft. "Es ist für mich eine Freude und keine Arbeit", versicherte sie stets. Ihre Texte wählte sie dabei je nach Stimmung und immer unterschiedlich aus. "Ein Gedicht lese ich aber fast immer vor: ,Abel steht auf’", sagte Hilde Domin einmal. In dem Gedicht machte sie die biblische Tat von Kain einfach rückgängig und gab ihm eine zweite Chance.

Hilde Domin, die zunächst Jura, später Nationalökonomische Theorie, Soziologie und Philosophie studierte, floh während der Nazi-Diktatur mit ihrem Ehemann Erwin Walter Palm um die halbe Welt. In Florenz promovierte sie 1935 über "Pontanus als Vorläufer von Macchiavelli". Während des Exils in Italien, Großbritannien, der Dominikanischen Republik und den USA arbeitete Domin als Übersetzerin, Fotografin und Dozentin. Mitte der 50er-Jahre, nach 22 Jahren im Exil, kehrte sie nach Deutschland zurück, als der Kunsthistoriker Palm einen Lehrstuhl an der Heidelberger Universität annahm.

Ihr erstes Gedicht schrieb sie 1951 in Santo Domingo, der Hauptstadt der Dominikanischen Republik. In Anlehnung an den Namen der Stadt änderte sie ihren Namen von Palm in Domin. Innerhalb von zwei Jahren folgten 200 weitere Gedichte. Die Sehnsucht nach der Heimat wurde zum tragenden Motiv ihrer einfühlsamen Lyrik.

1968 veröffentlichte Hilde Domin den autobiografischen Roman "Das zweite Paradies". Es folgten weitere Gedichte und Abhandlungen über Lyrik. 1970 schrieb Hilde Domin eine Geschichte der Bundesrepublik, wie sie sich in der Lyrik spiegelte: "Nachkrieg und Unfrieden. Gedichte als Index 1945- 1970". Ihre Werke wurden in über 20 Sprachen übersetzt.

Auf ihr Alter angesprochen zu werden, war der Autorin fast unangenehm. "Für mich ist man entweder präsent oder man ist nicht präsent - dann ist es egal, ob man 70 oder 90 Jahre alt ist", betonte sie mehrfach. Ein bestimmtes Erscheinungsdatum für ihre Erinnerungen hatte sie sich nicht gesetzt, war aber sicher: "Es gibt einen Punkt, an dem ist alles gesagt."

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