Festspiel-Bilanz: Des Kaisers alte Kleider

Bayreuth/Salzburg - So verheerend fiel eine Festspiel-Bilanz lange nicht aus. Regiekrise? In Bayreuth und Salzburg wurde alles dafür getan, um diesen Verdacht zu erhärten – und das Publikum zu unterfordern.

Zweimal haben die Salzbuger den Bayreuthern in die Suppe gespuckt. Richard Wagner, da gilt ja das oberfränkische Monopol. Doch zum 200. Komponistengeburtstag wollte man auch an der Salzach ein fettes Stück vom Jubiläumskuchen, mit den „Meistersingern von Nürnberg“ szenisch und „Rienzi“ konzertant. Ansonsten war das doch eine wunderbare Arbeitsteilung. Zwei Festivals, zwei (vordergründig verschiedene) Inszenierungs-Haltungen – und zwei Wirklichkeit gewordene Klischees. Am Hügel mit dem neuen „Ring des Nibelungen“ Provokation als Regie-Placebo, am Mönchsberg mit gleich mehreren Produktionen der Rücksturz in muffige Zeiten: Kunst zur Garnierung des Garderobe-Ausführens.

Und doch ist das, was sich bei beiden Festspielen tat, auf fatale Weise miteinander verwandt. Einmal den „Ring“ und seine Fans so richtig aufmischen, das hat Frank Castorf in Bayreuth immerhin geschafft. Fünfzehn Stunden als Pawlow’sches Experiment: Streckte Castorf szenisch die Zunge heraus, wurde das Festspielhaus prompt zur Wutbürgerversammlung. Aber nicht nur, weil man sich verladen fühlte von all dem schimmeligen Tand, der da gezeigt wurde, sondern auch weil der Volksbühnen-Chef, der über den Tellerrand seines Berliner Theaterbiotops nie richtig hinausgekommen ist, Inszenierung nur vorgaukelte.

Skandalös an diesem Bayreuther „Ring“ ist ja nicht, dass da fetthaarige, abgewrackte Figuren als Götter und Helden verkauft werden, sondern anderes: dass hier nur in sekundenkurzen Ausnahmefällen Tiefenbohrungen unternommen wurden. Castorf der Oberflächensurfer, da trifft er sich mit den meisten Kollegen, die in Salzburg unter Vertrag waren.

Ob Hofmannsthals „Jedermann“ in der Neufassung des Duos Julian Crouch/ Brian Mertes, Nestroys „Lumpazivagabundus“ von Matthias Hartmann, Verdis „Don Carlo“ von Peter Stein, in Ansätzen Wagners „Meistersinger“ von Stefan Herheim, besonders aber Mozarts „Così fan tutte“, Salzburgs Festspiel-Totalschaden, von Sven-Eric Bechtolf: Das edle Regie-Gewand entpuppte sich als des Kaisers altes Kleid – und der heißt seit zwei Jahren Alexander Pereira. Salzburgs Intendant, das allerdings unterscheidet ihn von den Bayreuther Leitungsschwestern Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner, will nicht verstören, sondern „nur“ Geld.

Die Regie also doch in der Krise? Nicht nur der gerade ablaufende Festspielsommer drängt diesen Verdacht auf. Inhaltliche Auseinandersetzung scheint gerade passé, der Zuschauer sieht sich in die Rolle des beschränkten Konsumenten gedrängt. Doch Festspiele, die ohne Futter für graue und weiße Zellen auskommen, ohne Grips, die höhlen sich nicht nur aus, die schaffen sich selbst ab. Zu einer solchen Entwicklung gehören dabei immer mehrere. Nicht nur Regisseure, sondern auch Intendanten, die sie engagieren. Und gerade der Fall Frank Castorf zeigt, dass auch die veröffentlichte Meinung einen Gutteil zur Misere beiträgt.

Als „Jahrhundertring“ wurde seine Bayreuther Tat sogar bejubelt. Wie das eben so ist bei professionellen Konsumenten, die von einer Premiere zur nächsten reisen, alles schon gesehen haben und erst begeistert hochschrecken, wenn einer endlich mal das Werkzeug ganz anders ansetzt – egal, ob das Werk damit verbeult oder nicht mal angekratzt wird. Gerade der Zwang, die immer gleichen Stücke in immer anderer szenischer Verkleidung zu zeigen, gebiert Regie-Krämpfe. Eine „Ring“-Pause forderte einst Klaus Zehelein, Präsident der Bayerischen Theaterakademie und des Deutschen Bühnenvereins. Ironie? Schon, aber auch gallenbittere Wahrheit.

Immerhin: So viel Festspiel wie in diesem Sommer gab es noch nie. Und damit ist nicht die Quantität der Festivalorte gemeint, sondern ihre Zugänglichkeit. Jede Opernpremiere aus Salzburg wurde zeitversetzt oder als Aufzeichnung im Fernsehen gebracht, sogar Bayreuth zeigte erstmals seinen Eröffnungsabend, den aufgewärmten „Fliegenden Holländer“ aus dem Vorjahr. Ein Stück weit wurden die Sommer-Events damit vom Sockel geholt – eine Popularisierung.

Auch das freilich hat seine Schattenseiten. Sänger, die ohnehin schon daran zu knabbern haben, dass sie auf hochprominenter Bühne stehen, treten nun vor einem (für sie unsichtbaren) Millionen-Auditorium auf. Das bringt erheblichen Zusatzstress – und oft keinen müden Euro extra. Wie überhaupt in den vergangenen Wochen eine Debatte hochkochte, mit der sich Künstler gegen Ausbeutung wehren. Wohlgemerkt: Nicht um Superstars à la Anna Netrebko und Jonas Kaufmann geht es dabei. Denen sind die gefüllten Konten sicher. Doch, was sich ein bis drei Etagen darunter tut, ist oft fragwürdig.

Und dennoch – die Demokratisierung der Festspiele schreitet voran. Was Public Viewing in jüngster Zeit war, die Übertragung auf Plätze und in Kinos, findet nun zunehmend im kleinen Kreis, im Wohnzimmer statt. Sehr zu begrüßen ist das. Nicht zuletzt, weil sich nun auch Nicht-Kartenbesitzer vom Zustand der Produktionen überzeugen können.

Markus Thiel

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