Das kalkulierte Idol

- Dieses Lachen. Dieses Strahlen. Dieses kindliche und laszive Spiel mit der Kette. Dieser pure Ausdruck der Lebensfreude. Wer diese eine Porträtserie, auch nur dieses eine Foto von Marilyn Monroe sieht, weiß sofort, warum sie zum Idol wurde. "Was kostet die Welt?", scheint sie zu fragen. Es ist ein Junitag 1962, und es werden die letzten Fotos des Models sein. Sechs Wochen später stirbt MM. Ausgepowert, nervlich am Ende, mit nur 36 Jahren.

Die Vitalität in "The Last Sitting" ist trügerisch. In vielen Fotos von Bert Stern sind auch Spuren des mondänen Lebens, der Ermüdung, der Nachdenklichkeit zu sehen. Trotz allem aber spürt man eines: Diese Frau hat es wie keine andere verstanden, glaubwürdige Facetten zu zeigen. Die Emotionalität des Models, das die Fotografen in der Hand hat und dennoch sein Letztes gibt, steht in durchschlagendem Kontrast zur heutigen, extrem kühlen Modefotografie. Somit erklärt die Ausstellung in der Versicherungskammer Bayern in München mit drei späten Monroe-Zyklen die Leb- und Leibhaftigkeit eines Kults.

1944 wurde Monroe entdeckt. In den nächsten Jahren sollte sie ein enormes Pensum an Modeaufnahmen, Filmen, Schauspielunterricht, Auftritten und Verehrern bewältigen. Fotosessions werden dennoch immer zu Partys, die Blondine mit dem Drang zur nicht nur äußerlichen Perfektion schenkt sich nichts.

Sterns Aufnahmen beginnen in der Schau mit einer fröhlich trinkenden, frech lachenden Diva. Jung und verspielt ist der erste Eindruck. Der zweite ist dann eher kalkuliert unschuldig bis erotisch. Stern, der 1953 mit der Wodka-Reklame seinen Durchbruch hatte, gelingt es in drei Tagen nicht nur, 2500 Fotos zu schießen, sondern Marilyn auch für Akte zu gewinnen. Abgesehen von den gediegenen Fotos für die Vogue entstehen so gelöste, geheimnisvolle Bilder.

Fotos in gnadenlosem Schwarz-Weiß

Daneben sind vor allem die von ihr selbst mit einem roten "X" aussortierten Bilder vieldeutige Treffer: Sterbebild, Tod eines Mythos, Quadratur des klassischen Schönheitsschemas? Diese Auswahl von 50 teils sehr persönlichen Momenten wird mit dem Blick hinter die Kulissen von "The Misfits" ("Nicht gesellschaftsfähig") konfrontiert. Monroes damaliger Ehemann und Drehbuchautor Arthur Miller schrieb die Rollen immer wieder um, Marilyn verzweifelte am Lernen. Der Film sollte ihr Durchbruch als Charakterdarstellerin werden. Es wurde ihre und Clark Gabels letzte Rolle. Am Ende ihrer Energie, psychisch erschöpft und in Behandlung, ließ sie das Team oft warten, innere und äußere Umstände waren katastrophal.

In gnadenlos hartem Schwarz-Weiß haben Henri Cartier-Bresson, Eve Arnold, Inge Morath, Elliot Erwitt und weitere fünf Fotografen der New Yorker Agentur Magnum die Filmsets festgehalten: romantische Momente, gestellte Szenen, Alltag hinter den Kulissen. So sind auch zwei der wenigen Bilder mit Arthur Miller entstanden: Tanzproben und ein sich entfernendes Paar im Zimmer.

Während der Film wenig erfolgreich war, gelangte der letzte Teil der Ausstellung zu doppeltem Starruhm. Andy Warhols zehn Siebdruck-Quadrate von 1967 machten den Mythos Marilyn endgültig unsterblich. Warhol variierte ein Foto zunächst glorifizierend auf Goldgrund, dann in krassesten, komplexesten Farben. Diese Loslösung vom Porträt hin zur Abstraktion in Petrol und Orange, in Silber und Pink muss man im Original gesehen haben. Alle Nachdrucke vergisst man - wie überhaupt die Schau weder Kitsch noch Kommerz favorisiert, sondern mit konzentrierten Akzenten eine unbeschreibliche Persönlichkeit verbildlicht.

Bis 20. 11., München, Maximilianstr. 53, Tel. 089/ 2160-2791.

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