Kalte Einsamkeit

- Sechzig Jahre hat er inzwischen auch schon auf dem Buckel: Benjamin Brittens Opernerstling "Peter Grimes", mit dem sich der einstige Neutöner 1945 die Londoner Sadler's Wells Opera eroberte und der heute längst selbst zum Klassiker geworden ist. Ein Klassiker, der auch (oder gerade) im intimen Rahmen des Augsburger Theaters nicht seine Wirkung verfehlte, wo man das Werk am Samstag in einer Neuinszenierung von Thomas Wünsch zur Diskussion stellte. Sie stieß beim Premierenpublikum auf ungeteilten Beifall.

Im nüchternen Einheitsraum von Heiko Mönnich, dem es gelingt, mit nur wenigen, sparsam eingesetzten Versatzstücken die einzelnen Schauplätze klar zu umreißen, erzählt der Regisseur dabei geradlinig seine Geschichte, ohne sich durch vordergründige Mätzchen von seinem Weg ablenken zu lassen. Vor allem in den bedrohlichen Chor-Szenen nimmt sich Wünsch zurück und baut voll auf die Kraft von Brittens Musik, was ihn jedoch nicht daran hindert, dem Werk an anderer Stelle durchaus auch eine etwas andere Richtung als gewohnt zu verleihen. Etwa im Zusammenspiel von Grimes und seinem stummen Lehrling.

Die Welt des kleinen Fischerdorfes ist bei Wünsch ebenso kalt und feindselig wie die abweisenden weißen Wände, die den Raum zu beiden Seiten eingrenzen oder die Menschen, die sie bevölkern. Ein Haufen bibelfester Moralisten, die jedoch unter der Oberfläche selbst allesamt nicht ohne Schwächen sind und die trotz ihrer unterschiedlichen Charaktere hier komplett aus dem hauseigenen Ensemble besetzt werden konnten.

Wobei es vor allem Manuel Wiencke als Ned Keene und Vuokko Kekäläinen als Auntie gelang, mit ihren kurzen Auftritten nachdrücklich auf sich aufmerksam zu machen. Einzig für die Titelpartie hatte man in Augsburg einen Gast verpflichtet und mit der Wahl von John Uhlenhopp eine glückliche Hand bewiesen. Der amerikanische Tenor zeichnete am Premierenabend ein ebenso glaubwürdiges wie packendes Porträt des getriebenen Außenseiters, lieferte sich der anspruchsvollen Partie vollkommen aus und ging dabei stimmlich zu Gunsten des Ausdrucks zuweilen bis an seine Grenzen.

Dass das gemeinsame Glück des groben Fischers und der sanften Lehrerin Ellen Orford keine Zukunft hat, ja geradezu scheitern muss, daran lässt der Regisseur von Anfang an keinen Zweifel. Die Beziehung der beiden hat tiefe Risse, schon lange bevor Peter erstmals die Hand gegen die einzige Frau hebt, die ihn bedingungslos liebt. Kaum je kommt es zu einer unverkrampften Berührung; und selbst die kurzen Momente, in denen beide allein auf der Bühne zurückbleiben, stehen unter einer nervösen Anspannung, welche das tragische Ende bereits vorausahnen lässt.

Auch Sally du Randt war als Ellen mit ihrem prägnanten und selbst in den Ensembles mühelos tragenden Sopran ideal besetzt und vermochte sich im Laufe des Abends enorm zu steigern. Sie ließ sich ihren Glauben an Grimes nicht nehmen. Selbst dann nicht, als die Meute ihren nächsten Schuldigen auserkoren hatte und sich gegen Ellen und Captain Balstrode wendete, dem Riccardo Lombardi mit markantem Bariton Profil verlieh. Unterstützung kam für die beiden lediglich aus dem Orchestergraben, wo Dirigent Rudolf Piehlmayer das Geschehen zu jeder Zeit fest im Griff hatte und vor allem in den umsichtig gegliederten Ensembles des zweiten Teils zu punkten vermochte, in denen er die volle Wucht von Brittens Partitur über die Zuschauer hereinbrechen ließ. Und so sei ihm auch verziehen, dass die vom Regisseur ausinszenierten "Sea Interludes" zumindest in der Premiere oft noch etwas zu mechanisch daherkamen und den letzten Funken an Leidenschaft vermissen ließen.

Weitere Aufführungen am 15., 18., 26. Februar, Tel. 0821/ 324-49 00.

John Uhlenhopp zeichnete als Peter Grimes ein packendes Porträt des Außenseiters.Foto: Theater

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