Kam, sah, siegte

- Als das Stück uraufgeführt wurde, sah das bürgerliche Publikum sich selbst auf der Bühne zu. Nie zuvor hatte es eine Opernhandlung gegeben, die so unverblümt in der Jetzt-Zeit und unter Menschen-Typen spielte, denen man auf der Straße begegnen konnte. Die Verunsicherung wich rasch der Begeisterung, und die ist Giuseppe Verdis "La traviata" bis heute sicher.

<P>Ahnten die Zuschauer seinerzeit, dass sich unter dem sentimental aufgeladenen Mitleid mit der schwindsüchtigen Edelhure Violetta Valé´ry eine Kritik an den eigenen Gesellschaftsmechanismen verbarg? Und was kann das Stück jetzt mehr sein, in Zeiten eines weithin akzepierten gesellschaftlichen Pluralismus, als ein wieder historisierender Bilderbogen?</P><P>Zum Auftakt der "Traviata"-Serie an der Bayerischen Staatsoper traten solche Fragen in den Hintergrund. Hier schien es fast nur um eine(s) zu gehen: um Anna Netrebko, charismatische Violetta, derzeit unangefochtene Lieblingskünstlerin der Feuilletons und Magazine. Und Netrebko kam, sah und siegte - wie schon beim Festspielgalakonzert und ihrem "Traviata"-Debüt im vergangenen Jahr. Aussehen, Bühnenpräsenz und Musikalität gehen bei der Sängerin eine Symbiose ein, die nahe am möglichen Ideal liegen dürfte: Mezzo-weich timbriert, schwingt sich Netrebkos Stimme mühelos ins hohe Register hinauf, auch wenn sie bei aus dem weiten Intervall attackierten Spitzentönen, etwa im fulminanten "Sempre libera", eine Färbung annimmt, die sich von der im Legato-Zusammenhang deutlich unterscheidet. Exakte Koloraturen und feinste dynamische Abschattierungen malen die Ambivalenzen einer Frau zwischen trotziger Autonomie und weiblicher Opfer-Rolle. Parallelen zu den Seelenschwestern wie Carmen oder den Opernheldinnen Wagner'scher und Strauss'scher Prägung drängen sich bei solcher Fülle der Lebendigkeit auf.</P><P>Ähnlich differenziert und ohne tenorales Auftrumpfen war Roberto Saccà als Alfredo der überzeugende Gegenpart, Paolo Gavanelli als Vater Germont sang in der Höhe mit Anklängen von Gepresstheit und anfangs auch mit Intonationsunsicherheiten. Unter der Leitung von Fré´dé´ric Chaslin realisierte das Bayerische Staatsorchester Verdis fein gewebte Partitur ohne sentimentalische Auswalzung, war der vorzügliche Staatsopernchor nicht opulente Staffage, sondern unerbittlicher Vorantreiber der Tragödie.</P>Im Gasteig (Black Box) gibt es am 27. 1., 19.30 Uhr, ein Gespräch mit Anna Netrebko, das auf Großleinwand in die Stadtbibliothek übertragen wird.<BR>

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