Kamele in der Tempelanlage

Oberammergau: - Die "gute Seele" des Oberammergauer Passionstheaters steht auf der Hinterbühne: Der hölzerne Abendmahlstisch waltet seines Amtes seit 1790. Zur letzten Pressekonferenz vor der Premiere des "Jeremias" von Stefan Zweig ist man daran zu zwölft­ und guter Dinge.

Denn drei Jahre vor der nächsten Passion versammelt Passionsspielleiter Christian Stückl vom 15. Juni an wieder rund 500 seiner bühnenbegeisterten Oberammergauer Mitbürger im hiesigen Theater.

Das Zweigsche Drama um den ungehörten Propheten, der dem heidnischen Volk die Zerstörung Judäas durch Nebukadnezar weissagt, hat Stückl durch Zufall entdeckt - die alttestamentarischen Stoffe hingegen seien zu sehr Shakespearsche "Rosenkrieg-Geschichten".

Doch auch der moderne "Jeremias" birgt Schwierigkeiten: Das "Riesenteil mit über 300 Seiten" hat der Regisseur erst einmal von sieben auf zweieinhalb Stunden gestrichen. Aus dem relativ rollenarmen politisch-religiösen Stück, das der Wiener Jude Zweig 1917 unter den Eindrücken des Ersten Weltkrieges schrieb, formte Stückl eine lebendige Dramenhandlung ohne große Monologe. Deren Hauptfigur sei weniger der Jeremias als vielmehr eine Gruppe Jugendlicher, die sich immer fanatischer in den Gotteskrieg hineinsteigere. Diese unaufhaltsame, durchaus heutige Euphorie habe er am spannendsten gefunden, berichtet Stückl. Jeremias indes (gespielt von Martin Norz) könne sich nicht gegen die ihm zugedachte Rolle als Stimme Gottes wehren - wiewohl er sehr darunter leide.

Für den 90-köpfigen Chor und die 50 Orchestermitglieder hat Markus Zwink vier große Passagen komponiert. Die hebräischen Texte sind vor allem den biblischen Klageliedern des Jeremias entnommen. Auch Orientalisches wird erklingen, dafür sorgen tibetanische Trompeten, chinesische Becken und indische Schalmeien.

Ein anderes Experiment geht auf vier Beinen: Neben den üblichen Schafen, Ziegen, Pferden werden auch zwei Augsburger Kamele in der weißen, zweigeschossigen Tempelanlage von Bühnenbildner Stefan Hageneier stehen.

Doch Vorfreude wie Proben werden überschattet vom Bürgerentscheid: Zwei Tage nach der Premiere des "Jeremias" nämlich wird über das "Nachtspiel" bei den Passionsspielen 2010 abgestimmt. Möglicherweise wird Stückl, der das Passionstheater als seine zweite Heimat sieht, am 17. Juni schweren Herzens Konsequenzen ziehen: "Wenn ich seh‘, eine klare Mehrheit will meine Ideen nicht, dann ist es besser für mich zu gehen."

Infos zu "Jeremias"

Vorstellungen: am 15., 16., 23., 24., 29., 30. Juni und 6., 7. Juli, jeweils um 20 Uhr.

Karten zu 19 bis 49 Euro (Ermäßigungen für Gruppen ab 20 Personen: 10 Prozent, für Schüler und Studenten: 25 Prozent) sind erhältlich unter 08822/ 92 31 58,

oberammergau@der.de oder www.muenchenticket.de.

Übernachtungsmöglichkeiten vermittelt das Verkehrs- und Reisebüro der Gemeinde Oberammergau, 08822/ 9 23 10, tourist-info@oberammergau.de.

Allgemeine Informationen: www.passionstheater.de.

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