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Chefdirigent Alexander Liebreich.

Liebreich: "Gesund für die Stadtkultur"

München - Zum sechsten Mal lädt das Münchener Kammerorchester zum Aids-Konzert - mit namhaften Solisten wie Sopranistin Christiane Karg im Prinzregententheater. Der Münchner Merkur sprach mit Chefdirigent Alexander Liebreich.

Haben Sie einst einen solchen Erfolg dieser Benefizreihe erwartet?

Auf jeden Fall. Im Amsterdam zum Beispiel ist so etwas seit vielen Jahren etabliert. Wir wollen als ein Orchester, das sich auch in Verantwortung für diese Stadt begreift, ein Zeichen setzen. Zumal es gerade im Kulturbereich viele Aids-Fälle gab und gibt. Ich bin froh, dass wir das nicht im Stile der landläufigen Galas machen, in denen ein Moderator Arien miteinander verbindet und dabei versucht, komisch zu sein. Das ist vielleicht eine Berliner Besonderheit. München hat in Galas, ganz allgemein gesagt, keinerlei Nachholbedarf. Wir machen einfach ein gutes Programm mit Weltstars.

Ist das Thema Aids nicht auf gefährliche Weise aus der öffentlichen Diskussion verschwunden?

Einerseits hat sich die Medizin weiterentwickelt, es gibt bessere, helfende, wenn auch nicht heilende Medikamente. Andererseits hat die Krankheit, und das ist problematisch, für viele ihren Schrecken verloren. Umso wichtiger sind solche Konzerte. Mir stellt sich das so dar, als setzten wir uns alle an einen Tisch: das Orchester, die Stadt, die Konzertbesucher und die Aids-Hilfe. Und das ist unglaublich gesund für die Stadtkultur.

Wie schwer oder wie leicht ist es, Solisten zu bekommen?

Bei uns ist das so, dass wir die Solisten auch für unsere Abo-Konzerte engagieren. Wir holen uns für Benefizaktionen also nicht „fremde“ Künstler, die gratis auftreten sollen. Außerdem wollen wir nicht als reines Begleitensemble auftreten.

Ihr Orchester muss gerade mit erheblichen Problemen in Sachen Probenraum kämpfen. Der Plan, im Amerikahaus unterzukommen, droht zu scheitern. Wie ist der aktuelle Stand?

Nächstes Jahr sind wir wohl zum Vagabundieren gezwungen. Das Amerikahaus würde uns eine tolle Lösung bieten, der Raum müsste sich allerdings einer Minimalverbesserung unterziehen. Ich finde es katastrophal, dass wir noch keine Perspektive haben. Wir wollen ja keinen neuen Konzertsaal, sondern „nur“ einen Probenraum. Das Niveau des Münchener Kammerorchesters und die Wahrnehmung seiner Aktivitäten – das klafft schon sehr auseinander.

Ab der kommenden Saison sind Sie auch Chef des Nationalen Symphonieorchesters des Polnischen Rundfunks. Wie erleben Sie das dortige Musikleben?

Es gibt in Polen eine unglaublich starke intellektuelle Schicht. Das ist bei uns gar nicht so bekannt. Die Direktoren der Musikhochschulen waren einst Komponisten wie Penderecki oder Lutoslawski, also die führenden Köpfe des Musiklebens. Das ist bei uns nicht so, sonst würde man auf solchen Positionen einen wie Wolfgang Rihm finden. Konzerte werden sehr stark wahrgenommen und diskutiert. Unser Bild von Polen ist ja ziemlich verstaubt und unrealistisch, viele denken gleich an autoklauende Handwerker. Im Übrigen machen polnische Handwerker einen sensationellen Job, ich habe das selbst oft genug erlebt...

Hatten Sie Angst, in der Schublade für Kammerorchester zur landen?

Ich kenne das polnische Orchester – wie manches andere auch – länger als das Münchener Kammerorchester. Ich habe also schon lange mit großen symphonischen Ensembles zu tun. Nach außen wird man immer zunächst über Chefpositionen definiert, das stimmt schon. Es gibt eben viele Wahrnehmungsprobleme auf dem Musikmarkt. Wir haben gerade eine Sitzung gehabt beim Kammerorchester, in der wir gesagt haben: Es muss sich etwas ändern. Unser Orchester ist etabliert, aber wir werden nicht auf dem Niveau gesehen, auf dem wir eigentlich spielen.

Ein typisches hiesiges Problem. Es scheint, dass man den Münchnern immer mit PR-Maßnahmen einhämmern muss: Hallo, wir sind wichtig und gut...

Mag sein. Neulich sagte ein wichtiger BR-Vertreter jedenfalls zu mir, nachdem er von meiner Berufung in Polen gehört hat: „Sehr gut, jetzt machen sie richtig Karriere.“ Das sagt weniger über mich etwas aus als über den Absender dieser Bemerkung...

Warum spielen Sie eigentlich nicht mehr Konzerte in München?

Seit meinem Amtsantritt haben wir eine Abonnentensteigerung um 45 Prozent. Wir haben eine Auslastung von über 85 Prozent. Sicherlich müsste man so etwas überlegen. Allerdings kosten uns diese Konzerte auch einiges, wenn man allein die Saalmiete nimmt. Deswegen gehen wir auch oft auf Tour, dadurch muss Geld ’reinkommen. Vielleicht sollte man ja mal ein eigenes Festival gründen, nicht unbedingt hier, unter Umständen in meiner Heimatstadt Regensburg. Verdient hätten wir uns das schon.

Das Gespräch führte Markus Thiel

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