TV-Satiriker mit Gesangstalent: Jan Böhmermann sang für Deniz Yücel „Die Gedanken sind frei“.

„Auf die Presse!“

Kammerspiel-Abend für Deniz Yücel

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Journalisten, Schauspieler und Kulturschaffende lesen in den Münchner Kammerspielen Texte des inhaftierten Deniz Yücel. 

München - Was für ein Schlussbild. Da ersucht Jan Böhmermann das Publikum, die Handys in den Taschen zu lassen, und bittet die Techniker, das Licht in den Münchner Kammerspielen zu löschen. Lediglich die grünen Notausgangsleuchten funzeln noch, als der Moderator und TV-Satiriker das Volkslied „Die Gedanken sind frei“ anstimmt – die Zuschauer in der ausverkauften Kammer 1 singen mit. Kraftvoll, textsicher. Gewiss, ein paar Tage zuvor hat Böhmermann in Frankfurt am Main bei normaler Beleuchtung dasselbe getan. Das sei ein spontanes „Sozialexperiment“ gewesen, berichtet er in München. Das Lied und dessen Aussage sind ihm wichtig – daher will er auf keinen Fall, dass irgendetwas inszeniert wirkt. Deshalb die Bitte, nicht zu filmen. Deshalb die Finsternis. Und deshalb auch dieses enorm starke Zeichen zum Abschluss eines Benefizabends, der ebenso erhellend wie bedenkenswert und unterhaltsam war.

Zwei Stunden zuvor hat Böhmermann die Lesung „Wir wollen das Meer sehen“ eröffnet. Journalisten, Schauspieler und Kulturschaffende haben sich zusammengetan, um Texte des ohne Anklage in der Türkei inhaftierten deutschen Reporters Deniz Yücel zu lesen. Unter dem Motto „Auf die Presse!“ fordern sie Freiheit für ihn ebenso wie für alle anderen inhaftierten Berichterstatter und Autoren. 

Drei Gründe nennt „taz“-Journalistin und Initiatorin Doris Akrap für diese „Promotiontour“: Sie sei „psychologische Unterstützung“ für Yücel ebenso wie für die Zivilgesellschaft in der Türkei, die mit der autoritären Politik des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan nicht einverstanden sei. Außerdem wolle man mit den Lesungen ein Signal an die Bundesregierung senden, alles für die Freilassung des „Welt“-Korrespondenten zu tun. Passend dazu las Akrap aus ihrem offenen Brief an Angela Merkel, der am Mittwoch in der „taz“ veröffentlicht wurde, dem 100. Tag von Yücels Haft: „Was ist aus den vor der Verhaftung Yücels begonnenen Gesprächen über deutsche Wirtschaftshilfen an die Türkei geworden?“, fragt Akrap die „liebe Bundeskanzlerin“. „Können Sie nicht einfach mal klar sagen: ,Es wird so lange kein Geld fließen, bis Yücel frei ist‘?“ Ein paar Zeilen weiter heißt es: „Können Sie es nicht wenigstens mal übers Finanzielle probieren? Einfach, um zu sehen, ob Erdogan die Gelder aus der EU genauso egal sind wie die Worte der EU?“

Im Zentrum des Abends standen aber Yücels Arbeiten. Artikel, die der Journalist für diverse deutsche Blätter geschrieben hat oder die aus seinem lesenswerten Buch „Taksim ist überall“ stammen. Kolleginnen wie Özlem Topçu („Die Zeit“) und Johanna Adorján („SZ“), die Schauspielerin Annette Paulmann von den Kammerspielen, die Autoren Helene Hegemann und Imran Ayata, Münchens Kleinkunst-Ermöglicher Till Hofmann, der Komiker Oliver Polak und einige mehr lasen die Texte. So verschieden die Themen sind, mit denen sich Yücel beschäftigt, zeigen die Beiträge doch stets, wie reflektiert, (selbst-)kritisch, analytisch, saukomisch, sprachmächtig und sprachbewusst dieser Autor ist. „Beste Lesung wo gibt“ war ab und an während dieser kurzweiligen zwei Stunden im Bühnenhintergrund eingeblendet. Mag sein. Ganz sicher aber: Wichtigste Lesung wo gibt.

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