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Selten hat man eine „Walküre“ von solcher Zärtlichkeit gesehen wie in Dieter Dorns Inszenierung mit Michaela Kaune (Sieglinde) und Will Hartmann (Siegmund).

Ein Kammerspiel der Liebe

Genf - In Genf zeigt Dieter Dorns Inszenierung von Wagners „Walküre“ was an gutem Theater möglich ist.

Ach, wie leicht ist es, „auf einen Schelmen anderthalbe“ zu setzen. Sich nach dem jüngsten Regie-Hype für Wagners „Ring“ noch die nächste und die übernächste Verrücktheit auszudenken – immer unter dem Vorzeichen, die alten Schinken endlich für „unsere Zeit“ (?) aufzumöbeln. Wer das tut, braucht von Text und Musik nicht allzu viel Ahnung zu haben. Es reicht, wenn er ein bisschen provoziert. Das aber ist Betrug am Werk und am Publikum.

Und dann sitzt man plötzlich fünf Stunden in Genf in der „Walküre“ von Ingo Metzmacher, Dieter Dorn und Jürgen Rose – gespannt, gerührt, blendend unterhalten und kann erleben, was an klugem Theater möglich ist, wenn Dirigent, Regisseur, Bühnenbildner und ein engagiertes Sänger-Ensemble das Spiel aus der Musik entwickeln und textlich zur Tiefenbohrung ansetzen. Nach dem „Rheingold“ im März (wir berichteten) hatten wir bei der „Walküre“ diese tiefere Schicht erhofft. Nun ist sie da: Metzmacher dirigiert einen kammermusikalisch überredenden, nicht das Publikum bloß überwältigenden Wagner. Er hat fein gearbeitet mit dem Orchester. Man hört einen sensiblen, geschmeidigen Ton, warme Cello-Passagen, „sprechend“ phrasierte Holzbläser. Alles im Dienste der Menschen auf der Bühne und ihrer Schicksale. Dorn nimmt diese Vorgabe auf, entwickelt ein erschütterndes Kammerspiel der Liebe, der Wünsche, der Überwältigung, der Erwartungen und Enttäuschungen. Ohne Effekthascherei breitet sich das Werk aus. Die Sänger wissen in jeder Sekunde, was sie singen, können den doppelten Boden der Gefühle zeigen, bekommen aus dem Graben Zeit für lange Blicke und Reaktionen.

Dorn, grundmusikalisch, führt sie wie ein hochkarätiges Schauspiel-Ensemble und hört der Musik die Haltung der Spieler bis in die Nuance ab: Frickas (Elena Zhidkova) Triumphblitzen im Auge, wenn sie ihren Wotan (Tom Fox) in einem strindbergisch quälenden Ehedisput in die Knie gezwungen hat. Günther Groissböck, ein stimmstarker Bass und begnadeter Schauspieler, legt mit seinem Hunding einen erschreckend brutalen Macho hin, dessen Bösartigkeit schon evident wird, wenn er ein Stück Käse kaut. Wotans Abschied – ergreifend, auch wenn dem imponierenden Tom Fox ein paar Töne brechen. Nie hat man eine „Walküre“ von solcher Zärtlichkeit gesehen. Wie hier die Personen einander berühren, sich einen zarten Kuss geben, übers Haar streichen: Wotan mit Brünnhilde (stark und auch stimmlich charakterfest: Petra Lang), auch die trotz allem anlehnungs- und liebebedürftige Fricka mit Wotan und vor allem das Liebes- und Zwillingspaar Siegmund und Sieglinde. Will Hartmann, viel eher empfindsam als heldisch, und die hinreißende Michaela Kaune, die so bei sich ist und so aus einem grundrichtigen Impuls singt, dass sie zur Königin des Abends wird.

Viel, sehr viel tragen Jürgen Roses Kostüme zum lebendigen Spiel bei. Er hat jeder Figur das zu ihrem Naturell passende komponiert – aus alten, getragenen Sachen, aus drei, vier übereinander gezogenen Stücken, mit denen sich im Affekt spielen lässt. Die Zeit? Unsere. Grundlage, auch bei den frechen Walküren, sind Jeans – aber darüber gibt es exotisch bestickte Corsagen. Fricka hat elegante, leicht bewegliche Stoffe an, und Wotan verfügt über einen leuchtend blauen Göttermantel, mit dem Brünnhilde, eben aus einer anderen Welt, zur Todverkündung kommt.

Der Raum besteht aus übereinander geschichteten Platten, zeigt den gespaltenen Stamm eines jahrhundertealten Baumes, der Weltesche, und bietet dem Publikum Freiheit für die eigene Fantasie. Gerade weil der ganze Abend nur das Wesentliche und Un-Beliebige bringt, stören die Spiegel in Wotans Monologszene seine Selbstenthüllung. Dass er Schicht um Schicht ein paar Kleider auszieht, hätte genügt. Die Spiegel sind zu viel „Freud“. Aber so etwas sind kleine Einwände bei einem hoch geglückten Abend. Im Januar geht es mit „Siegfried“ weiter.

Beate Kayser

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