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Bruder (Thomas Schmauser) und Schwester (Marie Jung) in der Stadt – ein Ungetüm aus Stahlrohren.

Kammerspiel-Premiere

„Dahoam is da Dot“

München - Ist das noch Thema? Landflucht? Regisseur Armin Petras hat „Bauern sterben“, Franz Xaver Kroetz’ dramatisches Fragment, auf seine Gegenwartstauglichkeit befragt – und einen erstaunlich aktuellen Abend inszeniert.

Kroetz, Jahrgang 1946, verhandelt in seinem archaischen Stationendrama, das er 1985 selbst an den Kammerspielen zur Uraufführung brachte (und während der Proben die ursprüngliche Fassung von 1984 teils extrem umarbeitete), natürlich mehr als die Flucht eines jungen Geschwisterpaares in die Stadt. Daheim sperrt sich der alte, despotische Vater gegen die Modernisierung des Hofs, will seinen Platz nicht räumen für die Jugend. Wie die „Bremer Stadtmusikanten“ machen sich Bruder und Schwester auf in ein vermeintlich schöneres Leben: „Etwas Besseres als den Tod findest du überall“, heißt es bei den Brüdern Grimm. „Dahoam is da Dot“, sagt die Tochter bei Kroetz. Sie wird Recht behalten. Die Stadt spuckt die beiden wieder aus. Doch zurück in der Heimat sind die Wurzeln gekappt, auf dem Friedhof, auf dem die Eltern liegen, sterben Bruder und Schwester den Kältetod.

Die Stadt – im Werkraum ist sie ein sperriges Ungetüm aus Stahlrohren. Olaf Altmann hat einen metallenen Dschungel gebaut, in dem Lasse Myhr als Jesus im Lendenschurz und mit Ährenkrone herumturnt. Er beobachtet die Geschwister auf ihrem mühevollen Weg, amüsiert sich über sie. Eingreifen, helfen gar, wird der Heiland freilich nicht. Die Religion hat schon bei Kroetz niemanden gerettet.

Für die etwas mehr als neunzig Minuten lange Inszenierung hat Armin Petras dessen Text umgestellt, gekürzt und klug ergänzt. So glückt ihm die Verortung des Themas in der Gegenwart. Den derben Streit über die Zukunft des Hofs gleich zu Beginn lässt er die Schauspieler in ihrem jeweiligen Heimatdialekt führen – Luxemburgisch, Bairisch, Fränkisch. Damit verallgemeinert er Kroetz’ Regionalismus. Erweitert hat Petras „Bauern sterben“ etwa um eine Szene aus „Germania 3. Gespenster am Toten Mann“, dem letzten Stück Heiner Müllers (1929-1995): Ein kroatischer Bauer erzählt da, wie er nach zwei Jahren als Gastarbeiter in Deutschland zurückkehrt in die Heimat. Diese fühlt sich falsch an, er tötet Frau und Kinder – „mit meinen Händen, die zwei Jahre lang in Deutschland am Fließband gearbeitet haben“. André Jung berichtet davon mit beklemmender Ruhe.

Mehr von dieser hätte der Inszenierung gut getan. Denn manches wirkt, als habe sich der Regisseur weggeduckt vor dem Schmerz, dem Leid, der Wucht (und dem Pathos) in Kroetz’ Text. Oft rettet sich Petras stattdessen in Klamauk. Da gibt es etwa jene Szene, in der die Geschwister Hundefutter fressen müssen, weil sie sich anderes nicht leisten können. Der eigentlich tieftraurige Dialog wird bei Thomas Schmauser und Marie Jung witzig – und daher harmlos. Ähnlich problematisch ist die Slapstick-Nummer, die den Sohn bei der Arbeit zeigt. Schmauser schlägt wie wild auf Steine, verliert drei Finger unter großzügiger Verwendung von Theaterblut: Ja, diese Arbeit ist sinnlos, die Bedingungen sind unmenschlich. Doch die Inszenierung ist komisch – und das ist tückisch. Lacht man nun über die Absurdität der Tätigkeit oder nicht viel eher über die Dummheit des Sohnes, der engagiert bis zur Selbstverstümmelung Steine klopft? Hier erhebt sich die Inszenierung über ihre Figuren. Hier fehlt die Kroetz’sche Empathie.

Doch Petras und seine Schauspieler zeigen, dass sie auch dazu fähig sind: Da treffen die heimwehkranken Geschwister auf einen Bauern, der seinen Wald gegen ein Elektrizitätswerk verteidigt – und erschnuppern an ihm glücklich die Gerüche der Heimat, Bärlauch, Kerbel, Kiefern. Doch im Kampf gegen den Fortschritt macht der Landwirt sich sprichwörtlich zum Affen, Michael Tregor trägt das Tierkostüm bereits unter den Arbeitsklamotten.

Eine leise, berührend starke Szene gelingt Ursula Werner mit ihrem Bericht einer arbeitslos gewordenen Frau, die erläutert, warum sie sich gleich selbst verbrennen wird. In einer Art Rückblende begegnen wir ihr am Ende des Abends wieder: In der „Heimkehr“-Szene aus dem Kroetz-Stück „Furcht und Hoffnung der BRD“ versucht der von Jung gespielte Karl, seine arbeitslose Frau aufzuheitern. „Daßd mir nicht hinausspringst“, sagt er zu ihr und meint das Fenster. „Nein“, antwortet Ursula Werner. Ihre Anna hat den Benzinkanister da schon in der Hand.

Nächste Vorstellungen am 7., 22. und 23. Mai; Telefon 089/ 233 966 00.

Von Michael Schleicher

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