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Die Wolke des Unheils braut sich über den Gefährten zusammen (v. li.): Lacroix (Stephan Bissmeier), Danton (Pierre Bokma) und Camille Desmoulins (Kristof Van Boven).

Kammerspiele mit Blut und Burgunder

München - Johan Simons startete mit Büchners „Dantons Tod“ in seine vorletzte Spielzeit als Intendant der Kammerspiele. Lesen Sie hier die Premierenkritik:

Er wusste bereits im Mai, was er sich aufgehalst hat: Da sei er wirklich gefordert, räumte Johan Simons im Malersaal seiner Münchner Kammerspiele ein, als er über die Eröffnungspremiere der Saison 2013/14 sprach. „Weil ich bin ein Holländer, der ein richtig klassisches deutsches Stück macht. Jeder Deutsche kennt das.“ Die Rede war von „Dantons Tod“ (1835). Mit der Inszenierung von Georg Büchners Drama startete Simons am Donnerstag in seine vorletzte Spielzeit als Intendant des Hauses an der Maximilianstraße. Nicht ganz ein Jahr, nachdem am Münchner Volkstheater dessen Hausherr Christian Stückl eine kluge Interpretation von „Dantons Tod“ inszeniert hat, gibt es nun also auch auf der anderen städtischen Bühne das Stück zu sehen.

Dabei ist die Frage ähnlich, die die beiden regieführenden Intendanten beantwortet haben wollen: Was macht den Menschen aus? Wie ist es möglich, dass der Mensch Täter und Opfer zugleich sein kann? Oder – wie Büchner seine Titelfigur fragen lässt: „Wie können sich die Menschen selbst bilden zu dem, was sie sein können und sein werden, wenn am Ende doch der Mensch selbst das Problem ist?“ Bei Simons ist die Frage zugleich die Antwort: Am Ende seiner Inszenierung entkleidet sich Robespierre, wendet sich nackt dem Publikum zu und hebt die Arme: „Diese Revolution ist dem Menschen gewidmet.“ Ja, es ist konsequent, dem einstigen Mitstreiter Dantons, den Wolfgang Pregler bemerkenswert vielschichtig zeigt, das letzte Wort zu gewähren.

Ihm gefalle an dem Stück, hatte Simons vorab erklärt, dass „Büchner über die Grenze nach Frankreich geschaut hat, um zu gucken, wie war das eigentlich mit dieser Revolution“. Diese Perspektive hat sich nun auch der Regisseur zu eigen gemacht – und blickt in seiner Inszenierung aus heutiger Perspektive auf das Drama: Eva Veronica Born hat auf der Bühne Tische zu einer Tafel zusammengeschoben, an der alle Schauspieler zu Beginn sitzen, als würden sie die Geister der Vergangenheit heraufbeschwören. Scheinwerfer tauchen die Szene in warmes Sepia-Licht, während Hans Kremer, das Textbuch in der Hand, als Erzähler die Zuschauer bittet: „Verachten wir diese Menschen nicht, wir wissen, was wir ihren Träumen verdanken.“ Es ist nicht das letzte Mal, dass Matthias Günther und Tobias Staab, die Büchners Drama bearbeitet haben, dieses geschickt mit Texten von Michel Houellebecq anreichern.

Ein spannender Auftakt also. Leider verfolgt Simons den klugen Ansatz nicht konsequent genug in den folgenden drei Stunden und zwanzig Minuten (eine Pause). Statt konzentriert Büchner zu analysieren, der wiederum gleich einem Wissenschaftler die Revolution seziert, verliert die Inszenierung ihren Fokus, sodass die Intensität des Beginns verloren geht. Dann wird Nebensächliches störend dominant: etwa der herumtrottende Hund (Dabei genügt es, dass von Tier-Mensch-Vergleichen gesprochen wird: Das versteht auch, wer kein Tier sieht) oder die uninspirierten Landschaftsaufnahmen, die permanent über zwei Leinwände im Hintergrund flimmern (Fügen Projektionen einer Inszenierung keine Bedeutungsebene hinzu: weg damit).

Dass der Abend immer wieder durchhängt, hat jedoch noch einen gewichtigeren Grund: die extrem unterschiedliche Sprechqualität der Schauspieler, potenziert durch Mikroports (eine technische Seuche – wer kennt ein Heilmittel?). Wenn etwa Benny Claessens als Bürger zu jammern anfängt, dass Mütter und Töchter sich prostituieren müssen, um satt zu werden, und er dieses Klagelied tatsächlich singt, versteht der Zuschauer: kein Wort. Glücklich, wer Büchner vorher gelesen hat. Doch gerade bei einem solchen Drama, das kaum äußere Handlung kennt, sondern in dem geredet, verhandelt, gehadert und gestritten wird, ist die Arbeit mit und am Text unerlässlich. Sie ist zu kurz gekommen.

Das ist umso bedauerlicher, da es Simons ja keinesfalls an schauspielerischem Potenzial mangelt: Marie Jung gelingt eine intensive und berührende Szene, als ihre Lucile Abschied nimmt vom geliebten Camille Desmoulins. Annette Paulmann zeigt durch behutsame Gesten, dass auch St. Just ein Herz hat. Ihre stärksten Momente hat die Inszenierung aber, wenn Wolfgang Pregler (Robespierre) und Pierre Bokma (Danton) aufeinandertreffen. Zwei Männer, die verschieden und einander doch so ähnlich sind: Der eine watet im Blut, der andere im Burgunder. Gebannt schaut man zu. Da grenzt es an eine Frechheit der Regie, dass Bokma eine Lachnummer abziehen muss mit angeblichen Texthängern und affektierten Gesten, als Danton vor dem Revolutionstribunal um sein Leben redet.

Die beiden Schauspieler zeigen jedenfalls, wie dieser Abend auch hätte verlaufen können – und werden am Ende zu Recht am heftigsten beklatscht.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen

am 29. September sowie am 2., 7., 19. und 31. Oktober; Telefon 089/ 233 966 00.

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