Kammerspiele: Jubel für Dramatisierung und Inszenierung von Joseph Roths Roman "Hiob"

München - "Ich will die Welt begrüßen", sagt Mendel Singer zum Schluss. Dann wird es dunkel auf der Bühne, allein die Lampen am Karussell, das sich jetzt munter dreht, scheinen bunt auf. Und die Lichterkette, die über den Köpfen der Zuschauer durchs Parkett gespannt ist, leuchtet fröhlich.

Das Leben ist noch einmal gut ausgegangen für Mendel Singer, nachdem Gott oder das Schicksal oder einfach auch nur die Wirklichkeit ihn - wie einst den alttestamentarischen Hiob - so schwer geprüft und geschlagen hat. Es gibt wieder Hoffnung. Ein Neuanfang ist möglich.

Und das Publikum der Münchner Kammerspiele spendete zu Recht begeistert Beifall. Den Schauspielern. Und Johan Simons, der sich mit der Inszenierung von "Hiob" nach dem Roman von Joseph Roth (1894-1939) als zukünftiger Intendant des Hauses an der Maximilianstraße präsentiert.

Nun ist diese Uraufführung ja nicht Simons' erste Produktion für München. Aber seine beste. Eine Arbeit, die Maßstäbe setzt und von Hoffnung und Neuanfang kündet. Ab 2010 wird man wieder sagen können: Hier inszeniert der Intendant persönlich.

"Hiob" - das ist natürlich eine wunderbare Geschichte: über die Menschen, über die Welt, über Religion und Gesellschaft, über Krieg und Frieden. Und jeden Zweifel an der Dramatisierung des Romans aus dem Jahr 1930 haben Koen Tachelets szenische Fassung und Simons' sehr theatralische und dennoch sparsame Inszenierung ausgeräumt. Diese Aufführung ist so ergreifend wie der Roman selbst, sie rührt und erschüttert und lässt einen da lachen, wo die Tragik des Lebens nicht ohne Komik auskommt. Diese Aufführung ist nie sentimental, vermeidet jegliche Tümelei, verzichtet auf "jiddisches Milieu" sowie bebildernden Naturalismus.

Und den Reichtum der Charaktere, die Fülle ihrer Widersprüche, durch die sich Roths Prosa auszeichnet, was aber eine Dramatisierung nie leisten kann, bringen die Schauspieler mit. Allen voran André Jung als Mendel Singer. Er spielt ihn zunächst herb, streng, scheinbar ohne jeden darstellerischen Aufwand. Und strahlt dabei doch die Last des Lebens aus, der er sich fügt. Und die Liebe, besonders zu Menuchim, dem hilflosen Kind.

Doch gegen Ende auch einmal den flammenden Zorn, den er seinem Gott entgegenschleudert. Eigentlich geht dieser Mendel nur aus sich heraus, wenn er die großen Söhne straft, sie an den Ohren ziehend im Kreis über die Bühne schleift. Oder wenn er sich zu Menuchim setzt und sich für einen Moment der Illusion hingibt, ihn durch die Intimität ihrer Beziehung zum Sprechen zu bringen. Danach versinkt er wieder in die gottergebene Schwermut. Mendel konstatiert alles, aber handelt gar nicht. Oder nur widerwillig. So jedenfalls geht er nach Amerika.

Regisseur Simons, der sich von Bert Neumann ein Kinderkarussell als Symbol für die Wechselseitigkeit des Lebens auf die Bühne stellen ließ, signalisiert die Überfahrt, indem die Schauspieler es drehen und nun die in den Farben verfremdete US-Flagge aufscheint. Amerika - André Jung hält einen wunderbaren Monolog auf das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das ihm sogar ein Lächeln auf sein Gesicht zaubert. Doch sein schwankender Gang, als wäre er noch auf dem Schiff, zeigt, dass er hier nie festen Boden unter die Füße bekommen wird. Jedenfalls so lange nicht, bis Menuchim ihm erscheint.

Den spielt die fragile, federleichte Sylvana Krappatsch. Vom Kind, das von epileptischen Anfällen geschüttelt und immer wieder einfach "abgelegt" wird an den Stufen des Karussels, bis zum berühmten Dirigenten ist sie immer gleich gekleidet. Alterslos, die ganze Welt im suchenden Blick. Eine große schauspielerische Leistung.

Menuchim und Mendel Singer - sie sind die einzigen, die sich treu geblieben sind. Und die überleben. Während die anderen ihre Herkunft grell übertünchen: Deborah, die Mutter, der Hildegard Schmahl anrührende Vitalität verleiht und Größe im Moment ihres Todes; Tochter Mirjam, der Wiebke Puls von Anfang an gekonnt einen Schuss Wahnsinn beimischt. Und Schemarjah und Jonas, kraftvoll gespielt von Edmund Telgenkämper und Steven Scharf, die in dieser Aufführung weitere Rollen übernehmen und dennoch immer die Söhne Mendels bleiben.

Und das gesamte Stück ist mit einem raffinierten Klang- und Geräuschteppich unterlegt, mit fernen Stimmen, leiser Musik, Tönen aus der Natur. Alles ist hier von einem poetischen Zauber, dem man sich nicht entziehen will.

Weitere Vorstellungen: 22., 29. 4. und 8., 13. 5.

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