+
Zu Gast an den Kammerspielen: Maria und Klara Wördemann.

Premiere des 64-Stunden-Happenings „New Beginnings“

Die Kammerspiele laden zum Peepshow-Theater

  • schließen

Der Regisseur Alexander Giesche richtet an den Münchner Kammerspielen die 64-Stunden-Performance „New Beginnings“ ein: Start ist am Donnerstagabend. Wir haben uns das Projekt vorab angeschaut.  

Das wird ein Spektakel! Der aus München stammende Künstler und Regisseur Alexander Giesche hat sich mit seinen intelligenten Performance-Projekten längst international einen Namen gemacht. Münchnern dürfte seine originelle Sichtbarmachung des Internets an der Corneliusbrücke im vergangenen Sommer noch in Erinnerung sein. Jetzt erklimmt Giesche mit seiner neuen Idee mit dem frohgemuten Titel „New Beginnings“ die Bühne der Münchner Kammerspiele.

Die Bühne dreht sich vom 7. bis 10. Juni

In der Kammer 2 (Spielhalle) ist vom 7. bis 10. Juni eine Drehbühne aufgebaut, auf der im Wechsel Künstler, Schauspieler und höchst unterschiedliche Akteure zu sehen sind. Die Drehscheibe ist umrahmt von zwölf schwarz gestrichenen Kabinen, in denen jeweils ein Zuschauer auf einem Barhocker Platz nehmen kann. Durch eine Glasscheibe sehen sie das Geschehen auf der langsam kreisenden Bühne, über Kopfhörer können sie den Dialogen und Monologen folgen oder die begleitende Musik hören.

Das Theater erinnert an eine Peepshow

Das Prinzip erinnert an die gute alte Peepshow, früher in jedem ordentlichen Bahnhofsviertel beheimatet und von der Spider Murphy Gang besungen. Das passt genau zu Giesches Anliegen, der mit seinem 64 Stunden währenden Happening der Frage nachspüren will, warum alles so pornografisch geworden ist. „Wir sitzen nur noch da und konsumieren“, fasst er seine Beobachtungen zusammen. Allein die sogenannten Likes auf Instagram verleihen dem eigenen Dasein noch Bedeutung. Die Kopräsenz der Menschen in einem Raum, die direkten Blicke, verschwinden, wenn alle nur aufs Handy starren: „Wenn im Bus jeder mit seinem Smartphone beschäftigt ist, schaut keiner mehr den Busfahrer oder den Müllmann auf der Straße an.“ Der Alltag verliert auf diese Weise das Überraschende, das Konkrete und Greifbare – alles plätschert nur so vorbei. „In den Nullerjahren, der Anfangszeit der Digitalisierung, galt das Internet noch als riesiger Möglichkeitsraum. Diese Wahrnehmung hat sich inzwischen etwas gedreht. Jetzt sieht man nicht nur die Chancen, sondern ist sich auch der Gefahren und Bedrohungen bewusst, die das Internet mit sich bringt.“

154 kurze Szenen 

Das Theater erscheint da als der passende Ort, um den Blick zu schärfen und wieder auf bestimmte Personen und Themen zu heften, statt ständig abzuschweifen. In der kleinen Kabine entwickelt der einzelne Zuschauer schnell eine mittlerweile ganz ungewohnte Konzentration auf das, was auf der rotierenden Bühne geboten wird. Das können Schauspieler in einer wenige Minuten dauernden Spielszene sein oder ein paar Ärzte, die eine neuartige HIV-Immunisierung vorstellen. „Wir haben so viel Material“, betont Dramaturg Benjamin von Blomberg, „dass wir uns insgesamt kaum wiederholen werden“. Aber sogar jeder Beleuchtungswechsel wird aufmerksam registriert, jede Veränderung der Tonspur in der Kabine fällt auf. „Wir müssen hinnehmen, dass die Digitalisierung von größerer Bedeutung ist als der Buchdruck. Darüber müssen wir gar nicht mehr sprechen. Sie verändert die Art und Weise, wie wir wählen, wie wir Essen bestellen, wie wir Reisen buchen. Wir können diese Veränderungen nicht mehr aufhalten. Wir müssen sie akzeptieren und das Beste daraus machen“, sagt Giesche.

Zwölf Kabinen für je einen Zuschauer

Seine Scheibe, die sich 64 Stunden lang ununterbrochen dreht, ist ein Sinnbild für die Welt, die sich immer weiter verändert. „New Beginnings“ will in 154 kurzen, prägnanten Szenen diesen Veränderungen nachspüren und herausfinden, was sie für die Moral einer Gesellschaft bedeuten könnte. „Es geht uns nicht darum, Menschen auszustellen, sondern darum, Situationen sichtbar zu machen.“ Und natürlich darum, davor und danach darüber zu sprechen. Dafür ist im Rahmen des Projekts viel Zeit. Denn in den Abendstunden dürfte mit Warteschlangen vor der Kammer 2 zu rechnen sein. Schließlich passen immer nur zwölf Besucher gleichzeitig in die Kabinen. Die übrigen dürfen gemeinsam anstehen – und werden, so die Hoffnung von Giesche und von Blomberg, schon vor dem Einlass bei Kaltgetränk und Snacks ins Gespräch kommen. Direkt, ganz ohne Facebook, Tinder und Instagram.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Das Merkur-Konzertabo für unsere Leser
Die Jubiläums-Saison hat es in sich: Zum zehnten Mal bietet der Münchner Merkur mit dem BR-Symphonieorchester ein Konzert-Abonnement an.
Das Merkur-Konzertabo für unsere Leser
Sunrise Avenue sorgen für Pop-Rock-Party auf dem Königsplatz und machen Fans selig
Am Freitagabend wurde Münchens Innenstadt mit hörbarer Spielfreude auf die finnische Art beschallt - denn die nordische Band Sunrise Avenue brachte den Königsplatz zum …
Sunrise Avenue sorgen für Pop-Rock-Party auf dem Königsplatz und machen Fans selig
David Lynch – Hollywoods Rätselhaftester
Die Münchner Galerie Karl Pfefferle zeigt Lithografien und Holzschnitte des Künstlers und Filmemachers David Lynch (“Twin Peaks“). Wir haben die Ausstellung im …
David Lynch – Hollywoods Rätselhaftester
Waltraud Meier: „Ich will intelligent gefordert werden“
Ein letztes Mal kehrt Waltraud Meier zu den Bayreuther Festspielen zurück - nach 18 Jahren Abstinenz. Ein Gespräch über ihr Comeback, den Abschied von Rollen und über …
Waltraud Meier: „Ich will intelligent gefordert werden“

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.