Zu Beginn sitzt Johanna Eiworth noch züchtig im Gartenstuhl auf der Kammerspiele-Bühne. Das bleibt nicht lange so.
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Zu Beginn sitzt Johanna Eiworth noch züchtig im Gartenstuhl auf der Kammerspiele-Bühne. Das bleibt nicht lange so.

Premiere von „Liebe. Eine argumentative Übung“ in den Kammerspielen

Kammerspiele München: Eigenwillige Nackt-Performance über die Liebe

  • Katja Kraft
    vonKatja Kraft
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Viel nackte Haut, laute Musik und derbe Männer-Bilder: In den Kammerspielen München feierte „Liebe. Eine argumentative Übung“ Premiere.

Sie findet das alles zum Kotzen. Das macht uns Olivia Öl, als die sich Kammerspiele-Neumitglied Johanna Eiworth am Sonntagabend auf der Bühne verausgabt, ziemlich deutlich. Die nackte Protagonistin zerplatzt in dieser „argumentativen Übung“ über die Liebe fast vor Wut und Ekel und Selbsthass und Männerhass und Frauenhass und Auf-die-ganze-Welt-Hass. „Auf entlarvende, krass-komische Weise“ habe Sivan Ben Yishai über chauvinistische Muster und blinde Flecken unserer Art zu lieben geschrieben, heißt es im Programmheft. In manchen Momenten stimmt das, die meiste Zeit der zwei Stunden (ohne Pause) aber sitzt man da, weggeblasen von der Kombination aus lauter Musik, Text, der als Banner über das Bühnenbild läuft, der Alexa-Computerstimme aus dem Off und schließlich Olivia Öls Nackt-Performance. Man sitzt da und ist vor allem eines: genervt.

Wieso diese aggressive Bitterkeit?

Obwohl man weiß, dass vieles wahr ist. Ja, es gibt auf dieser Welt zum Himmel schreiende Ungerechtigkeiten zwischen männlichem und weiblichem Leben; es gibt widerliche Gewaltverbrechen von Männern an Frauen; es gibt auch in unserer scheinbar in Geschlechterfragen so fortschrittlichen Gesellschaft noch das Stereotyp des braven Weibchens, das jungen Mädchen vorgelebt wird. Alles richtig. Aber, mein Gott, ändern wir das durch aggressive Bitterkeit?

Und: Was ist überhaupt mit der anderen Seite? Yishai stilisiert die Frauen einzig als Opfer. Die Stärke und die Macht, die auch sie ausspielen können, wird, wenn überhaupt, nur arg unterschwellig angedeutet. Stattdessen muss sich Eiworth eine blonde Perücke überstülpen und die dumpfbackige Tussi geben. Nach dem Motto: Wer sich in diese Rolle fügt, hat Erfolg bei Männern. Waren wir nicht schon mal weiter? Wann endet eigentlich das alte Feindbild vom Eindringen des Mannes als unweigerlicher Akt der Vergewaltigung?

Ja, Olivia Öl nervt. Und in der Zuschauerin regt sich Widerstand. Weil es so destruktiv ist, dieses Immer-auf-die-Zwölf. Die Sache mit der „Kleinen“ etwa. Popeye, der Über-Mann, bittet sie nach dem Sex: „Komm her, meine Kleine.“ Sie, die Liebesbedürftige, ist glücklich und vergisst glatt den Geschlechterkampf. Lässt sich „Kleine“ nennen – wie rückwärtsgewandt! Echt jetzt?

Zu viel Selbstmitleid, zu wenig Gegenentwurf

Diese Selbstbeschau hat wahre Momente – die Fixierung auf einen perfekten Körper schon bei jungen Mädchen oder der Hang dazu, Männer zu bemuttern und sich dabei selbst zu vergessen. Wenn Eiworth/Öl am Ende – nach all dem nackten Schattenboxen bis hin zum Stehspagat – das Publikum mit der Vorstellung provoziert, es anzeigen zu können, weil man sie auf diese unpassende Weise betrachtet habe, muss man schmunzeln. Im zweiten Moment aber wehrt man innerlich empört ab: Nie hatte man das sehen wollen. Da hat jemand all seinen Müll auf einem abgeladen. Inwiefern wir alle diesen Müll mitproduzieren? Interessiert nicht mehr. Chance auf Komplizenschaft vertan. Mit dieser selbstbezogenen Kämpferin möchte man auch als Frau nichts zu tun haben. Vielleicht ist das die bitterste Erkenntnis des Abends: dass Feminismus gefälliger sein muss, damit er mitreißt. Kotzen allein reicht nicht.

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