Kammerspiele: Nichts trivialisieren

- "Ich mag meinen Beruf sehr gern; aber Tschechows Figuren sind schon sehr kraftraubend. Man kommt von der Traurigkeit dieser Biografien nicht los." Andreas Kriegenburg, in München nie an ein Haus fest gebunden, ist aber seit vielen, vielen Jahren nicht aus der hiesigen Theaterszene wegzudenken. Am Sonntag hat seine neueste Inszenierung, Anton Tschechows "Drei Schwestern", mit Annette Paulmann, Sylvana Krappatsch und Katharina Schubert an den Münchner Kammerspielen Premiere.

Ihre Inszenierungen sind von temperamentvoller Körpersprache geprägt. Bei den melancholischen Schwestern eine Schwierigkeit?

Andreas Kriegenburg: Ich muss sagen, dass ich ganz lange gezögert habe, ein Tschechow-Stück zu machen. Seine Dramen sind unglaublich schwer in ihrer Komplexität. Man darf Tschechow nicht "an Land ziehen", vereinnahmen aus einer Wehmut heraus, auch so sein zu wollen wie seine Gestalten. Wir spielen ihn mit großer Kargheit, fast ohne Kürzungen und Hinzufügungen, nahe an der Komposition des Autors. Die Aufführung ist frei von Slapsticks, Ironie und ohne Anflug von Trivialisierung.

Und die Körpersprache?

Kriegenburg: Wir wollen seinen Figuren genau begegnen. Deren Konturen ergeben schon eine eigene Spielweise. Sie haben eine eigene Wesenhaftigkeit.

Sie sprechen die Trivialisierung an. Auch Tschechow fällt derzeit der Bühnen-Mode anheim, Klassiker auf das persönliche Niveau des Regisseurs zu ziehen. Wie stehen Sie dazu?

Kriegenburg: Es ist schwer, als Regisseur dazu befragt zu werden, weil man dann über Kollegen sprechen muss. Und es ist ein Gemeinplatz, zu sagen: Wenn‘s gut ist, ist‘s in Ordnung. Ich denke, weitgehender "Missbrauch" eines Stücks muss erlaubt sein -­ wenn etwas Gelungenes dabei herauskommt. Man darf sich auch auf gewalttätige, besitzergreifende Weise Klassiker aneignen. Bei Tschechow ist der Fall aber ganz anders. Bei vielen Aufführungen, die ich gesehen habe, geht die Trivialisierung so weit, dass der Verlust größer ist als der Gewinn. Tschechow verliert da seine Besonderheit. Ich bin deshalb überzeugt: Man kann ihn nicht aktualisieren. Die Gefahr ist einfach, dass Regisseure und Schauspieler das Gefühl haben, die Tschechow-Gestalten sind ihnen unglaublich nahe. Das ist ein Trugschluss.

Und warum?

Kriegenburg: Viele meinen, Teil von Tschechows Kultur zu sein. Aber in unserer Realität finde ich nirgendwo, dass jemand mit einer derartigen Sprachkultur gesegnet ­ oder bestraft wäre. Bei den "Drei Schwestern" gibt es das Thema: Das Leben findet woanders statt. Das kennen wir. Aber man kann Tschechow nicht darauf reduzieren. Sonst ziehen wir ihn zu uns herab. Daher versuche ich den Schauspielern klar zu manchen, wie fern diese Empfindsamkeitsmonster uns sind. Zum Glück für uns ­ wir würden sonst nicht überleben.

Im Drama ist oft von Arbeit die Rede -­ als Allheilmittel gegen ein verpfuschtes Leben. Aber kaum einer arbeitet sichtlich.

Kriegenburg: Sie wollen schwitzen für den Lebens-Sinn. Und müssen tiefe Schnitte ins eigene Fleisch machen, denn sie stammen aus einer Generation, die mit der Verachtung der Arbeit aufgewachsen ist. Das ist überhaupt nicht auf heute übertragbar. Das ist eine hochelitäre Schicht, die vergangen ist. Tschechow ist wie Proust lesen. Das hat nichts mit unserem Leben zu tun. Wenn ich mir dafür Zeit nehme, dann schaffe ich einen Raum außerhalb meines Alltags.

Wie nähern Sie während der Proben Ihr Bild von den drei fiktiven Frauen den realen drei Schauspielerinnen an?

Kriegenburg: Der erste Schritt war, dass alle drei Schauspielerinnen von ihren Rollen ähnlich fern waren. So haben wir uns gemeinsam auf die Suche begeben. Man sagt ja: Die wichtigste Regiearbeit bei Tschechow ist die Besetzung. Und danach soll man sich möglichst wenig einmischen. Was mir nicht ganz gelungen ist.

Tschechows Menschen träumen von einer Zukunft, in der alles besser ist. Wir leben in dieser Zukunft, die immer noch nicht besser ist. Wie fließt so etwas in die Regie ein?

Kriegenburg: Eines der schmerzhaftesten Motive der "Drei Schwestern" ist, dass zwischen den Akten so viel Zeit vergeht. Wir sehen die Personen in ihrer Verlorenheit und müssen ihnen Recht geben im Empfinden, dem eigenen Schicksal vor die Füße geworfen zu sein. In jedem Akt gibt es Hoffnungen, die im nächsten scheitern. Und wir Zuschauer sind Teil dieser Enttäuschung.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger.

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