Aus dem Grab gerufen wurde der Geist Dareios’ (Wolfgang Pregler), hier mit Adnan Mujic, einem Bub aus dem Bürgerchor, und Sylvana Krappatsch als Atossa, Witwe des Perserkönigs Dareios. Foto: Andrea Huber

Kammerspiele: Premierenkritik für "Die Perser"

München - Johan Simons inszenierte für die Kammerspiele in der Bayern-Kaserne Aischylos’ Anti-Kriegsstück „Die Perser“. Hier geht's zur Premierenkritik.

Es tut gut, dass die Münchner Kammerspiele endlich wieder ein richtiges Theaterstück herausbringen und nicht nur mehr oder weniger verhunzte Romane und Filme. Mit der Tragödie „Die Perser“ (472 v. Chr.) von Aischylos (525/4 bis 456 v. Chr.) gingen sie auch gleich an die Wurzelspitzen des europäischen Theaters und an den Ursprung der Tragödie. Premiere war am Donnerstagabend nicht im Schauspielhaus an der Maximilianstraße, sondern in der Bayern-Kaserne (erbaut 1936/38) an der Heidemannstraße in Freimann. Die dortigen Gebäude stehen zum Abriss bereit und wurden von Kammerspiele-Intendant und Regisseur Johan Simons auserkoren, das Innenstadttheater einmal in die urbane Peripherie zu bringen; inklusive der Beteiligung der dort Wohnenden: zum einen alte Münchner aus dem Viertel, zum anderen Flüchtlinge, die auf dem Kasernengelände untergebracht sind. Das passt zu Aischylos’ Drama, das breit ausmalt, wie der Krieg Leid über die Menschen bringt.

In einer der Fahrzeughallen wurden Café, Foyer und Spielstätte installiert. Schön die Idee, das alles mit Sandsackwänden zu gliedern und ansonsten möglichst viel Kasernen-Atmosphäre zu belassen. Zunächst empfängt den Besucher die Video-Installation „Salamis“ von Stefan Hunstein, der nicht nur Schauspieler ist (in den „Persern“ der Bote), sondern auch bildender Künstler. Er nimmt die Form des En-face-Porträts auf, schwarz-weiß. Ruhig, ernst wie auf einem Foto blicken einen die Menschen, vor allem Kinder, an. Winzige Mimik und die viel zu helle Iris mit zu großen schwarzen Pupillen sind Irritationspunkte und saugen die Aufmerksamkeit des Betrachters an.

So eingestimmt, ist man danach angetan von der lichten, freundlichen Halle, die bis auf ein Videoporträt, einige Holzpaletten, ein Wasserloch und Instrumente wie Xylophon oder Trommel leer ist. Carl Oesterhelt, Mathis Mayr und Salewski stimmen eine exotisch anmutende, archaisch dröhnende Ouvertüre an. Hildegard Schmahl hat schließlich die Aufgabe (eigentlich der Chor), uns in die Welt der Perser zu führen: Alle jungen Männer sind in den Krieg gegen Griechenland gezogen - und noch hat keiner der Zurückgebliebenen auch nur die geringste Information. Dichter Durs Grünbein, der den Aischylos-Text nicht genau übersetzt, sondern „wiedergegeben“ hat, signalisiert den Stückbeginn plakativ mit „Welt, schau auf uns...“. Seine Sprache ist weitaus verständlicher als die der üblichen Übertragungen, wobei er durchaus altgriechische Eigenheiten (lange Aufzählungen) beibehält. Wenn Schmahl „Kommt, Ihr Perser“ ruft, nimmt der Bürgerchor reihum Platz. Und das bleibt bedauerlicherweise seine Hauptfunktion: Zuhörer sein, Staffage für die Profis. Obwohl die Laien in ihrer Vielfalt Sympathie und Neugier auf sich ziehen, ist der Regie bis auf einige Verlegenheitsaktionen kaum etwas zu ihnen eingefallen. Was womöglich daran liegt, dass Simons der Kriegs-Tragödie in seiner Inszenierung generell nicht die nötige Wucht verschaffen kann.

Aischylos’ Werk lebt zum größten Teil von der Sprache. Action gibt es nicht, sie müsste rasend spannend erzählt werden. Keiner der eigentlich guten Schauspieler wagt jedoch das Pathos. Schreien: ja, aber einen mächtigen Gefühls-Raum füllen: nein. Dieses Manko wird trostlos offengelegt durch den Mikroport-Ton, der die erbärmlich schlechte Sprechtechnik brutal hörbar macht. Da rächt sich, dass so viele Theatermacher auf das genuine Bühnenhandwerk keinen Wert legen. Und in so einer Halle können sich die Schauspieler nicht mehr von Bühne und Kulisse geschützt fühlen, sie sind buchstäblich bloßgestellt. Simons lässt sie im Stich: Die lächerlichen nervösen Ticks beim Boten (Hunstein) und bei König Xerxes (Nico Holonics) werden nicht getilgt. Schmahl muss als „Chor“ einsam und verlassen Text-Massen stemmen - ohne tiefere Text-Arbeit. Sylvana Krappatsch wird als Atossa auf eine arrogante Königinnen-Zicke festgelegt. Nur mit Mühe erkämpft sie sich ein paar Momente von Noblesse und echtem Leid. So manches gestische Kinkerlitzchen stört ebenfalls Wolfgang Preglers Auftritt (Dareios’ Geist).

Aischylos zollte in den „Persern“ dem Erzfeind, der - ob Dareios (Schlacht bei Marathon), ob Xerxes (Seeschlacht bei Salamis) - die Griechen unterjochen wollte, Respekt. Das tut Johan Simons nur scheinbar, nicht aber mit der Wahrhaftigkeit der Kunst.

Simone Dattenberger

Nächste Vorstellungen am 9., 13., 14., 15. Mai, insgesamt nur bis 3. 6.; Kaserne: Heidemannstr. 50, Anfahrt: U6 bis Kieferngarten, dann Bus 171 bis Euro-Industriepark Nord; Karten unter Tel.: 089/ 23 39 66 00.

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