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Die Inszenierung von Albert Camus‘ „Belagerungszustand“ feierte in den Münchner Kammerspielen Premiere.

Die Kammerspiele zeigen „Belagerungszustand“

München - Christoph Frick inszenierte an den Münchner Kammerspielen „Belagerungszustand“ von Albert Camus.

War da was? Finanzkrise? In den Städten stehen sich nicht nur an den Adventswochenenden Kaufwillige auf den Füßen. Schweinegrippe? Fand eher in den Medien als in Arztpraxen statt, war aber ein gutes Geschäft für die Pharmaindustrie. Immerhin. Erinnert sich noch jemand an BSE, MKS, Sars oder Vogelgrippe? Nein? Keine Sorge: Die nächste Krise kommt.

Bilder der Premiere

„Belagerungszustand“ an den Münchner Kammerspielen: Bilder der Premiere

Die Münchner Kammerspiele liegen also richtig, wenn sie in dieser Spielzeit unter dem Motto „Sicher ist sicher“ Risiko- und Krisenforschung betreiben. Während Stefan Pucher mit „Platonow“ dem Individuum beim persönlichen Absturz zusah, Schorsch Kamerun in seinem „Konzert zur Revolution“ die bayerische Räterevolte untersuchte und Stefan Kaegi gleich die gesamte „Sicherheitskonferenz“ ins Theater brachte, hat jetzt Regisseur Christoph Frick gezeigt, wie sich eine Gesellschaft in Krisenzeiten verhält.

Nächste Vorstellungen:

7., 16., 29. Dezember,

7. und 15. Januar

Karten unter Tel. 089/ 233 966 00

Seine Inszenierung von Albert Camus’ „Belagerungszustand“ (das Stück erfuhr im Jahr 1950 am selben Ort seine deutsche Erstaufführung) wurde vom Premierenpublikum heftig beklatscht. Zurecht, legt Frick doch durch Reduktion und Konzentration gesellschaftliche Mechanismen und kollektive Verhaltensmuster offen: eine Sezierung. Dadurch, dass der Regisseur das Stück behutsam aus der geografischen Verortung (die spanische Stadt Cádiz) gelöst hat, auf Psychologisierung verzichtet, schafft er einen erschreckend deutlichen aktuellen Bezug. Doch es braucht seine Zeit, bis der Abend zur Diagnose der Gegenwart werden kann. Camus arbeitet in diesem Stück mit einem Nebeneinander der Formen, mit Allegorien und Symbolen, mit karikaturhaften Momenten und klassischen Dialogen. Er schrieb ein lehrstückhaftes Pamphlet gegen jede Art von Diktatur. Frick spitzt dieses zwar zu, hätte jedoch hie und da noch beherzter zupacken können. Vor allem der Beginn – wir sehen die Stadt bei ihrem geschäftigen Treiben, erleben, wie ein Komet Panik auslöst – schlingert doch sehr. Er wirkt wie eine Mischung aus einer Fahrt in der Geisterbahn und einem Kindergeburtstag, der aus dem Ruder läuft. Dazwischen grüßen Filmregisseur Tim Burton und seine Phantasmagorien. Etwas weniger Effekt hätte es auch getan.

Die Handlung:

Cádiz ist eine geschäftige Stadt in Spanien – bis die Pest hereinbricht. Die Seuche, in Person eines autoritären Bürokraten, der von einer Sekretärin, dem Tod, begleitet wird, ruft den Ausnahmezustand aus und errichtet eine Terror-Herrschaft der totalen Kontrolle des gesellschaftlichen Lebens.

Die Menschen arrangieren sich – aus Feigheit oder aus Freude an der durch die Pest verliehenen eigenen, kleinen Macht. Einzig der junge Arzt Diego leistet Widerstand – auch wenn er für die Freiheit auf sein Glück mit Victoria verzichten muss.

Denn alles ist bereit für den Blick aufs Wesentliche: Viva Schudt hat die Bühne an drei Seiten mit hohen schwarzen Wänden begrenzt, wenige mehrfach einsetzbare Möbelversatzstücke und symbolische Requisiten bereitgestellt. Konzentration und Reduktion des Bühnenbilds tun gut, unterstreichen zugleich den Belagerungszustand: Es gibt kein Entkommen, wenn die Herrschaft der Pest beginnt. Trotz mancher Text-Unsicherheit bei der Premiere spielt Wolfgang Pregler diese als unscheinbaren, effektiven, leidenschaftslosen Bürokraten der Macht. Das Gefährliche an diesem Typen ist, dass ihm seine Gefährlichkeit nicht anzusehen ist. Dass er dort, wo bei Menschen das Herz schlägt, ein Organigramm hat, an dessen Spitze er selbst steht. Die Pest gründet ihre Macht auf Kontrolle – dazu will sie die Menschen gläsern haben. Tatsächlich scheinen wir Camus’ Dialoge zu kennen: aus der Diskussion um den biometrischen Reisepass und weitere Maßnahmen, die mit dem Versprechen „Sicherheit“ persönliche Freiheiten beschneiden.

Die Besetzung:

Regie: Christoph Frick.

Bühne: Viva Schudt.

Kostüme: Margret Burneleit.

Video: S. Bischoff/S. Wicki.

Darsteller: Wolfgang Pregler (Pest), Hildegard Schmahl (Sekretärin), Oliver Mallison (Nada), Lena Lauzemis (Victoria), Stefan Merki (Gouverneur/Richter), Michaela Steiger (Bürgermeisterin/Frau des Richters), Edmund Telgenkämper (Diego), René Dumont (Fischer/Schiffer/Astrologe/Pfarrer).

Die Pest wird von ihrer Sekretärin, dem Tod, begleitet, – und es ist eine Freude, Hildegard Schmahl bei der Ausübung ihrer Pflicht zu beobachten. Der Tod – wir ahnten es, und Schmahl zeigt es wunderbar – ist eigentlich ein Herzensguter, einer der die Menschen um ihre Liebesfähigkeit beneidet und gern mit ihnen befreundet wäre. In einem großen, von Applaus begleiteten Dialog ringen Schmahl und Edmund Telgenkämper miteinander. Es ist ein Kampf, es ist ein Flirt. Ist es Liebe? Ist es Hass? Schmahl gurrt, schnurrt, windet sich, flucht und giftet, gellt und schreit. Am Ende wird sie Telgenkämpers Diego verraten, wie er die Pest besiegen kann – und sich diebisch über ihren Verrat freuen. Während Diego, den Telgenkämper als Durchschnitts-Spießer zeigt, schon seine Garderobe verrät (Margret Burneleit hat ihn in Jeans gesteckt, das Karo-Hemd ordentlich in den Bund gestopft), wandelt sich Oliver Mallisons Nada (spanisch für „nichts“) rasch und mit Freude vom Kleinstadtrevoluzzer zum willigen Gehilfen der neuen Macht. Nadas Unangepasstheit war aufgesetzt – das bisschen Macht, das er nun erhält, nutzt er gern und mit sadistischer Lust.

Dass Stefan Merki und Michaela Steiger als Gouverneur/Richter und Gattin wie Karikaturen wirken, liegt nicht nur am Größenunterschied. Merki, der Steiger gerade mal bis knapp über die Brust reicht, und seine Bühnenpartnerin zelebrieren die Gesten unserer politischen und wirtschaftlichen Führungsriege zigfach – und entlarven sie. Kraftvoll und kämpferisch dagegen Lena Lauzemis, deren Victoria ihren Verlobten Diego aufrüttelt. Lauzemis macht das ungestüm und mit einer herrlich menschlichen Naivität. Es sind starke Augenblicke, wenn Christoph Frick seine Schauspieler beobachtet. Immer dann ist dieser Abend Bestandsaufnahme. Am Ende zieht die Pest ab. Der alte Trott kehrt zurück. Alles geht auf Anfang. Weiter so? Keine Sorge: Die nächste Krise kommt. Sicher ist sicher.

von Michael Schleicher

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