Kammerspiele-Premiere: Rasender Stillstand

- Hieronymus Boschs Bildtafel "Die sieben Todsünden", zu sehen im Prado in Madrid, ist für den argentinischen Autor Rafael Spregelburd die Stoffgrundlage eines Dramen-Siebenteilers. Patrick Wengenroth inszeniert für die Münchner Kammerspiele Teil fünf, "Die Panik", der morgen um 20 Uhr im Neuen Haus Premiere hat.

Der 30-jährige Regisseur, der in München bisher kleinere Arbeiten etwa beim Dramatikerwochenende anfertigte, assistierte unter anderem bei Dimiter Gotscheff, war Dramaturg am Hamburger Schauspielhaus, lebte und arbeitete viel in Berlin und zuletzt Wien.

Sie übersetzen für den Suhrkamp Verlag Spregelburds Siebenteiler. Wie kam es dazu?

Patrick Wengenroth: Wir kennen uns vom Hamburger Schauspielhaus, wo er Gastautor war. Als Schüler habe ich ein Jahr in Argentinien verbracht, und so hat es sich ergeben, dass ich zusammen mit meiner Schwester die Texte übersetze. Sie kümmert sich um die Grammatik, ich mich um die Theatertauglichkeit.

Im Stück "Die Panik", das sich mit der Todsünde der Trägheit befasst, versucht eine Familie mit dem Tod des Mannes der Mutter klarzukommen. Worum geht es in anderen Teilen der Heptalogie?

Wengenroth: Titelgebend ist immer eher das Gegenteil, etwas Ergänzendes zur jeweiligen Todsünde. Es geht um die Abwesenheit von etwas. In "Die Dummheit" etwa spielen fünf Schauspieler 25 Rollen. Durch die vielen Szenenwechsel entsteht ein Aberwitz, dabei wird der Mechanismus Theater auf die Probe gestellt. Es ist beabsichtigt, dass aus den Unfällen bei schnellen Umzügen szenisch Profit geschlagen wird. Meist entsteht eine Verwirrung der Begrifflichkeiten. In "Panik" ist ­ basierend auf dem ägyptischen Mythos, dass die Götter irgendwo einen Schlüssel versteckt haben, mit dem die Trennung zwischen dem Reich der Toten und dem der Lebenden aufgehoben werden kann ­ ein Schlüssel zum Bankfach des Toten im Spülkasten eines Klosetts versteckt. An einem Ort, der keinen Namen hat, unter einer Heberglocke, wie es im Sanitär-Jargon heißt. Ein Begriff, der im Spanischen nicht gebräuchlich ist. Damit die Götter nicht arbeitslos werden, haben sie den Schlüssel zwischen den Wörtern versteckt. Aber das ist ein Nebenschauplatz. Eigentlich ist das Stück mit dem Toten im Zentrum ein Kriminalstück.

Und auch ziemlich absurd.

Wengenroth: Wir verstehen die 80 Minuten des Theaterabends als die Sekunden zwischen Leben und Tod Emilios, in denen Szenen aus seinem Leben durch seinen Kopf spuken. Die Struktur des Stücks gleicht einer Torte: Wir spielen die Szenen eins bis zwölf, könnten aber auch bei fünf anfangen und bei vier aufhören. Es gibt keine lineare Zeit, wie im Moment des Todes vielleicht alles gleichzeitig stattfindet.

Welche Bedeutung für uns heute können Sie den Todsünden abgewinnen?

Wengenroth: Es handelt sich ja um eine Trägheit des Herzens. Auf Boschs Tafel, einem Tisch eigentlich, sieht man auf dem entsprechenden Bild einen Menschen, der nach getaner Arbeit zu müde ist, um sich mit dem Wort Gottes, der Bibel, zu beschäftigen. Wir leiden seit der Aufklärung unter einem Sinnvakuum, suchen uns Ersatzbefriedigungen in Familie, Freizeit oder virtuellen Welten. Wenn die Religion weg ist, was bleibt dann? Menschen, die auf sich zurückgeworfen sind. Wie gehen wir mit den Leerstellen um? Es ist wie mit einer Zwiebel, die man entblättert und die innen leer ist. Die zentrale Frage lautet: Woran glaubt man, wenn man an nichts glaubt?

Und was hat der Titel "Die Panik" mit Trägheit nun zu tun?

Wengenroth: Bei dem Philosophen Virilio etwa gibt es den rasenden Stillstand, eine Beschleunigung, die einem Auf-der-Stelle-bleiben gleicht. Tiere verfallen manchmal in äußerster Panik in eine Starre. Auch eine Kreisbewegung kann Stillstand bedeuten. Die Figuren hier versuchen, etwas zu lösen, sie reden davon, etwas zu tun und tun gar nichts.

Ihre Inszenierungen, wie etwa das Berliner Projekt "Planet Porno", das es auch als Hörspiel gibt, haben häufig etwas Unfertiges, "Unterprobtes". Wie ist es hier?

Wengenroth: Das Stück fühlt sich an, als sei es mein eigenes Projekt. Andererseits gibt es hier einen Autor. Und in diesem Rahmen bekommen die Schauspieler eine Festlegung an die Hand, Absprachen, fixe Haltepunkte. Aber bei manchen Dingen können sie Abend für Abend entscheiden, wie sie es machen.

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