Kampf der Fantasie

- Seit kurzem ist er Chefdirigent des Royal Opera House Covent Garden und kehrte damit in seine Geburtsstadt London zurück. Zuvor hatte Antonio Pappano, Sohn italienischer Eltern und ausgebildet in den USA, jahrelang das Musikleben an der Brüsseler "Monnaie"-Oper geprägt. Bei den Münchner Philharmonikern dirigiert Pappano heute und morgen im Gasteig William Turner Waltons "Scapino"-Ouvertüre, Glasunows Violinkonzert und Strawinskys "Le Sacre du Printemps".

<P>Wie kommen Sie auf Walton? </P><P><BR>Pappano: Das erste Mal dirigierte ich das Stück beim London Symphony Orchestra. Die Engländer kennen es, niemand anders sonst. Es ist sehr effektvoll und verlangt viel Atmosphäre, eine genaue Charakterisierung des musikalischen Verlaufs. Hierin ist es verwandt mit Strawinskys "Sacre". </P><P><BR>"Sacre" ist fürs Ballett komponiert. Versucht man auch als Konzertdirigent, die "Handlung" zu transportieren? Oder machen Sie sich frei davon? </P><P><BR>Pappano: Wichtig ist nur, dass man herausarbeitet, was "unschuldig" und "erwachsen", "ärgerlich" und "stolz", "männlich" und "weiblich" in diesem Stück bedeutet. Ich finde es schwer, im Konzertsaal diese Atmosphäre zu schaffen. Es ist ein großer Kampf mit der eigenen Fantasie, für den Hörer wie für den Musiker. </P><P><BR>Jedes Orchester hat einen spezifischen Charakter. Was bedeutet das für Ihre Sichtweise des jeweiligen Werks? </P><P><BR>Pappano: Ich habe hier ein fantastisches deutsches Orchester, bei dem ich bewusst keinen Bruckner oder Brahms dirigiere. Das heißt, mit Strawinsky habe ich möglicherweise mehr Erfahrung, kann also dem Orchester anderes anbieten, das es wiederum in seinen Klang integriert. "Sacre" ist manchmal wie eine Oper, und ich bin ja eigentlich Operndirigent, liebe das Theatralische. Mit den Münchner Orchesterfarben kann ich meine Interpretation also neu malen</P><P>Wie schafft man das als Gastdirigent in wenigen Proben? <BR><BR>Pappano: Man muss ganz klare Zeichen geben. Ich habe heute in der Probe einige Fehler gemacht und das auch sofort zugegeben (lacht). Wichtiger ist aber die Persönlichkeit des Dirigenten, um ein gemeinsames Gefühl und Tempo zu erzeugen. Wir müssen es schaffen, zusammen zu denken. </P><P><BR>Sie betrachten sich in erster Linie als Operndirigent. </P><P><BR>Pappano: Es hat lange gedauert, bis ich die für mich richtige Balance zwischen Konzert und Oper gefunden habe. Oper bleibt die Nummer eins, weil ich glaube, dass ich theatralische Fantasie habe, das Drama erfühlen kann. Was mir noch fehlt, auch für meine Repertoirekenntnis, ist ein eigenes Symphonie-Orchester. Ich suche nicht aktiv danach, aber in zwei, drei Jahren sollte es schon so weit sein. Ich will nicht mehr viel gastieren. Ein Dirigent braucht einfach eine Heimat. Ich muss dann bei jeder neuen Produktion, bei jedem neuen Konzert nicht immer bei Null beginnen. Gastieren bedeutet immer Nervosität, denn: Auch wenn man einen Namen hat - ein Orchester kümmert das normalerweise wenig. </P><P><BR>Welche Erwartungen stellen Orchester in den verschiedenen Ländern an den Dirigenten? </P><P><BR>Pappano: Amerikaner wollen ab der ersten Sekunde wissen, woran sie sind. Kein Malen mit dem Taktstock, kein Wischiwaschi. Dann sind sie zu allem bereit. In Mitteleuropa ist musikalische Tiefe wichtiger. Herz und Bauch eben. <BR>In welcher musikalischen Tradition sehen Sie sich? </P><P><BR>Pappano: Ich bin Assistent von Daniel Barenboim gewesen, was mich entscheidend geprägt hat. Ich liebe auch Furtwängler. Wobei ich meine Herkunft nicht verleugnen kann. Diese natürliche Nervosität, immer ein bisschen der Sache voraus sein wollen: Das ist eben der Italiener in mir. Ich mache Fehler, bin bestimmt auch nicht der größte Techniker. Ich muss üben, aber wenn ich das Stück im Bauch habe, dann aufgepasst . . . <BR></P><P>Das Gespräch führte Markus Thiel <BR></P>

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