Kampf der Götter gegen Giganten

- Nach zehn Jahren aufwändigster Kleinarbeit ist der weltberühmte Pergamonaltar in Berlin jetzt vollständig restauriert der Öffentlichkeit übergeben worden. "So richtig war er noch nie", sagte der wissenschaftliche Leiter Volker Kästner bei der Vorstellung des Projektes. Das 113 Meter lange und rund 2,30 Meter hohe Fries aus dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert wurde unter der Leitung des Münchner Restaurators Silvano Bertolin um weitere Funde ergänzt und dem Stand der Forschung angepasst.

<P>Gertrud Platz, die amtierende Direktorin der Antikensammlung, sagte zum Ergebnis der Arbeiten auch: "So schön hat man den Pergamonaltar noch nie gesehen." Die gegen Giganten kämpfenden marmornen Götter haben in den vergangenen 2200 Jahren auch ein höchst wechselvolles Schicksal hinter sich gebracht, das deutliche Spuren an ihnen hinterließ: Noch in der Antike wurde der Altar geschleift und zum Bau einer Mauer verwendet.</P><P>Löwe mit Schlangenbein</P><P>Im 19. Jahrhundert entdeckte der Ingenieur Carl Humann die Bruchstücke und ließ sie ausgraben. In einer staatsrechtlich gültigen Übergabe wurden sie den Berliner Museen überlassen, die ein eigenes Museum für sie erbauten. Während des Zweiten Weltkriegs wurden sie erst ausgelagert und dann in die Sowjetunion gebracht, die sie 1958 an die DDR zurückgab. Schon damals wurde zwar die Notwendigkeit der Restaurierung erkannt, aber nicht in die Tat umgesetzt. So konnten Rost und Verschleiß weiter wirken bis zur Wiedervereinigung.</P><P>Bertolin machte sich unter wissenschaftlicher Begleitung daran, die für die erste Präsentation verwendeten Materialien durch moderne zu ersetzen, die keinen Schaden am Originalmaterial anrichten und auch wieder entfernt werden können, falls etwa neue wissenschaftliche Erkenntnisse eine andere Zusammensetzung der Fundstücke nahe legen.<BR>Er ersetzte ferner den bislang verwendeten Betonhintergrund durch hellgrauen italienischen Kalkstein, der den Reliefcharakter noch deutlicher betont. Die Wissenschaftler bemühten sich gleichzeitig erfolgreich, bislang nicht präsentierte Teile des mehrere tausend Stücke großen Puzzles aus dem Lager in das Relief einzufügen. So erhielt ein löwenköpfiger Gigant ein Schlangenbein, das bis dahin nicht hatte verortet werden können. Geradezu begeistern konnten sich die Forscher, als sie entdeckten, dass eine der Göttinnen am Ostfries sich mit zwei Fackeln - statt nur einer - gegen "ihren" Giganten zur Wehr setzt.</P><P>Auch zwei Skulpturen, deren Zugehörigkeit zum Altar schon eine Weile bekannt war, wurden als Gipskopien eingesetzt, da die Originale sich in britischem Privatbesitz befinden.</P><P>Eine weitere positive Überraschung für die Staatlichen Museen zu Berlin war, dass es nicht teurer wurde, als der Kostenvoranschlag Mitte der 90-er Jahre mit umgerechnet 2,3 Millionen Euro vorhergesagt hatte. Dem Weltkulturerbe steht jetzt noch eine wesentlich teurere Restaurierung bevor: die des den Altar umgebenden Museums. Sein maroder Zustand sorgte schon während der Restaurierungsarbeiten für eine böse Überraschung: Das Glasdach drohte einzustürzen. Allein diese Reparatur kostete zehn Millionen Euro.</P><P>Die Wiederherstellung des Museums ist Bestandteil des Masterplans Museumsinsel, die nach Plänen des Architekten Oswald Ungers als Ensemble in neuem Glanz erstrahlen soll. Der beginnt allerdings gerade mit der Planung. "Wir denken in Dezennien", sagte Peter-Klaus Schuster, der Generaldirektor der Staatlichen Museen, dazu.</P><P>www.smb.spk-berlin.de</P>

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